manuskript  des monats

Das Manuskript des Monats stellt alle vier Wochen auf allgemein verständliche Weise eine Handschrift aus unterschiedlichen Regionen der Welt vor. Autoren sind neben den Wissenschaftlern des SFB „Manuskriptkulturen in Asien, Afrika und Europa“ und Doktoranden des Graduiertenkollegs „Manuskriptkulturen“ Spezialisten aus der ganzen Welt, die hier Einblick in ihre Arbeit geben.
Das Manuskript des Monats illustriert an konkreten Beispielen Eigenschaften einzelner Manuskriptkulturen und zeigt exemplarisch, wie fruchtbar der Ansatz sein kann, Handschriften nicht allein als Träger von Inhalten anzusehen, sondern sie in ihrem sozialen und kulturellen Zusammenhang von der Herstellung bis zum Gebrauch zu begreifen.

Herausgeber waren bislang:
Frederike-Wiebke Daub (2012), Antonella Brita und Karsten Helmholz (Sonderausgabe 10/2012), Meike Zimmermann (01-09/2013), Max Jakob Fölster (10/2013 - 02/2015), Fridericke Conrad (03/2015 - 06/2015), Andreas Janke (07/2015 - 05/2016), Wiebke Beyer (ab 06/2016) und Zhenzhen LU (ab 08/2017).

Fragen und Vorschläge richten Sie bitte an: wiebke.beyer [at] uni-hamburg.de oder zhenzhen.lu [at] uni-hamburg.de.


August 2016


Beispiel einer Khmer-Inschrift aus der Region Angkor, die in
Lop Buri (Thailand) gefunden wurde und auf das Jahr 1025
datiert ist.

Von Stein auf Papier:
Eine Handschrift über antike Inschriften als Beginn der Epigraphik im modernen Siam

Spektakuläre epigraphische Entdeckungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts weckten das Interesse von Mitgliedern der siamesischen Oberschicht an alten Steininschriften. Nachdem die Artefakte mit den Inschriften aus den Provinzen zur sicheren Lagerung in die Hauptstadt Bangkok gebracht worden waren, begann eine kleine Gruppe traditioneller Gelehrter, sie zu entziffern, um mehr über die Geschichte zu erfahren. Ein siamesisches Manuskript aus dem späten 19. Jahrhundert mit verschiedenen alten Inschriften aus Indien und Südostasien dokumentiert diese Arbeit.

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Juli 2016


Königin Manan (Or. 718, Detail)

Porträt einer Königin:
Die Geschichte eines Manuskripts und seiner Auftraggeberin

Im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, einer Phase der extremen Dezentralisierung in Äthiopien, gab Königin Manan von Gondar ein Manuskript mit hagiografischen Texten über den heiligen König Lālibalā in Auftrag, das einen einzigartigen Bilderzyklus enthält. Die Handschrift wurde für eine in der Hauptstadt der Königin neu erbauten Kirche angefertigt, die diesem heiligen König geweiht war. Doch warum bemühte sich Königin Manan, 600 Jahre nach Lālibalā, so eifrig um dessen Verehrung an einem neuen Ort?

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Juni 2016


Das Ostrakon BM EA 5634

“Ein Skorpion hat ihn gestochen“
und andere Abwesenheitsnotizen aus dem
alten Ägypten

Auf einer auf den ersten Blick unscheinbaren Kalksteinscherbe befindet sich ein altägyptisches Arbeiterregister mit Abwesenheitsnotizen, welches sowohl die Fehltage als auch die verschiedenen Gründe für das Fehlen einzelner Arbeiter auflistet. Doch welche Gründe gab es im alten Ägypten überhaupt, um der Arbeit fern zu bleiben?

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Mai 2016


Hildegard von Bingen empfängt eine Vision.

Äbtissin, Prophetin – Heilige?

An der Mündung von Rhein und Nahe gründete um 1150 die Äbtissin Hildegard von Bingen (1098-1179) ein Kloster auf dem Rupertsberg. Hildegard verfasste dort neben naturkundlichen Texten auch drei Bücher, in denen sie ihre eigenen Visionen niederschrieb. Noch in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstand im Kloster Rupertsberg eine neue Abschrift ihres dritten Visionsbuches Liber divinorum operum („Buch der göttlichen Werke“) mit aufwändigen goldverzierten Miniaturen. Warum wurde erst lange nach dem Tod der Äbtissin dieses kostbare Manuskript mit den Visionstexten Hildegards hergestellt?

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April 2016


Umschlag der Tontafel
mit der Grabungsnummer kt v/k 147

Ein(e) Ehe(vertrag) für die Ewigkeit?

Vor etwa 4000 Jahren, in Zentralanatolien, beschloss Kalua, der Sohn des Akabšē, die Tamnanika, Tochter des Šū-Bēlum, zur Frau zu nehmen. Da Ehen allerdings schon damals nicht unbedingt für die Ewigkeit gemacht waren, wurde vereinbart, dass derjenige, der den Partner verlässt, ihm oder ihr eine empfindliche Geldsumme überlassen muss. Der Ehevertrag, der diese Abmachung enthält, wurde auf eine Tontafel geschrieben. Doch konnte diese Ehe, so wie ihr tönerner Vertrag, bestehen?

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März 2016

„Denn man hat schon aus ihm gestohlen,
es beschmutzt und es nicht in Ehren gehalten“


Bibliothèque de Genève, Ms Comites Latentes 145, Seite 238

Liebeszauber, Schadenzauber, Exorzismen, Heilungs- oder Schutzzauber – im beginnenden 16. Jahrhundert stellte der im Osmanischen Reich lebende jüdische Gelehrte Joseph ben Elija Tirshom ein bedeutendes Kompendium mystischer und magischer Texte zusammen, das eine große Zahl von Anleitungen enthält, die zur sogenannten „praktischen Kabbala“ gehören. Zu welchen Bedingungen war der Schreiber bereit, seine kostbare Handschrift zu verleihen?

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Februar 2016

Nur die Erklärung von Fachausdrücken?
Eine mittelalterliche arabische Enzyklopädie


UB Leipzig, ms. or. 377, f. 83r

Zu Beginn des 10. Jahrhunderts umfasste der Islam so viele Themen und Begriffe, dass es nicht einfach war, den Überblick zu wahren. Abhilfe schaffte Abū Ḥātim ar-Rāzī (gestorben ca. 933) mit seiner Enzyklopädie Kitāb az-Zīna, was mit „Buch des Schmucks“ übersetzt werden kann. Denn wer die richtige Bedeutung der vielen theologischen und religiösen Fachwörter kenne, so heißt es im Vorwort, könne sich mit diesem Wissen schmücken. Das hier vorgestellte Manuskript enthält die Fragmente dreier Texte, darunter die älteste Abschrift des Kitāb az-Zīna. Diese Blätter bilden damit das früheste Textzeugnis der Ismailiten, einer schiitischen Gruppe, zu der Abū Ḥātim ar-Rāzī gehörte. Zwischen den Zeilen liest man heraus, dass diese Gruppe die einzig rechtmäßige sei. Sollte das Manuskript womöglich seine Leser bekehren?

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Januar 2016

Lang lebe der König (und seine Manuskripte)!
Eine Geschichte von Macht und Ritualen aus dem mittelalterlichen Kathmandu


Hölzerner Vorderdeckel von NAK 1-1075 mit Szenen der liṅga-Anbetung

Alte Sanskrit-Manuskripte enthalten mitunter Hinweise auf ihre Herstellung, verraten uns aber nur selten etwas über ihre spätere Verwendung. Auch wenn es nicht immer ganz einfach ist, in solchen Manuskripten Informationen über ihre Geschichte zu finden, trägt ein genauerer Blick manchmal doch dazu bei, etwas über ihr Schicksal zu erfahren. Ein mittelalterliches Manuskript aus dem Nationalarchiv Kathmandu, das deutlich sichtbare Spuren seiner jahrhundertelangen Verwendung trägt, ist ein gutes Beispiel dafür. Was genau verrät es uns über sein langes Leben nach seiner Niederschrift?

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Dezember 2015

Eine Fundgrube des Wissens:
Ein unscheinbares Manuskript mit armenischer Volksmedizin
aus dem Osmanischen Reich


Armenische Rezepte in einem argentinischen Schulheft

Hunderte von Rezepten der osmanisch-armenischen Volksmedizin wurden 1943 in diesem einfachen Schulheft niedergeschrieben. Das Heft enthält alte Heilmethoden, die von Armeniern aus Aintab (heute bekannt unter dem Namen Gaziantep) – einer Stadt im Südosten der Türkei nahe der Grenze zu Syrien (ca. 120 km von Aleppo) – zur Behandlung von körperlichen Leiden genutzt wurden. Welche Geschichte verbirgt sich hinter diesem sehr persönlichen, in der armenischen Diaspora entstandenen Manuskript?

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November 2015

Farbenfrohe Loyalität:
Ein gesticktes Manuskript als Kunstobjekt
und als Geschenk an den König von Bangkok


MS Nr. 134, Seite 6

An der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert wurde in Nord-Thailand von einer lokalen Fürstin ein außergewöhnliches Manuskript angefertigt, das sie König Chulalongkorn (reg. 1868–1910) als Geschenk präsentieren wollte. Das Leporello-Manuskript wurde nicht mit konventionellem Schreibmaterial wie Tinte auf Maulbeerpapier geschrieben, sondern die Schriftzeichen wurden in verschiedenfarbiger Seide auf schwarzem Stoff gestickt. Fürstin Bualai, die diese einmalige Arbeit schuf und verschenkte, war berühmt für ihre Stickkünste, da sie dem König von Bangkok häufig bestickte Gegenstände wie Vorhänge, Kissen und dreieckige Rückenlehnen schenkte, der diese in einer besonderen Kammer des Königspalastes sammelte, welche zu Ehren der Fürstin Bualai-Gemach genannt wurde. Aufgrund seiner künstlerischen Qualität im Vergleich mit anderen Arbeiten thailändischer Kalligraphie handelt es sich bei diesem gestickten Manuskript um einen einmaligen Fall innerhalb der thailändischen Manuskriptkultur. Was waren die Beweggründe der Fürstin, ein so kostbares Geschenk in Form eines Manuskripts zu machen?

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Oktober 2015

Ein Manuskript in Form einer Schafsleber?


Lebermodell AO 19829, recto und verso.

Dieses wie eine Schafsleber geformte Objekt aus Ton enthält beidseitig keilschriftlichen Text. Es wurde im Palast von Mari in Syrien entdeckt, war Teil einer Sammlung ähnlicher Objekte und wird auf den Beginn des 2. Jahrtausends vor Christus datiert. Wozu könnte ein solcher Gegenstand gedient haben?

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September 2015

Menschenhandel im vorislamischen Südarabien?
Die Übereignung zweier Zwillingsschwestern
in einer sabäischen Urkunde auf Holz


Mon.script.sab. 1

Rechtsurkunden, Wirtschaftsverträge und andere Dokumente des Alltagslebens im antiken Südarabien sind erst seit wenigen Jahrzehnten bekannt. Die Bewohner dieser Region, semitischsprachige Stämme, darunter die Sabäer, schrieben ihre Korrespondenz nicht mit Tinte nieder, sondern ritzten sie in kleine Holzstäbchen – zigarrengroße Stücke von Palmblattrippen oder anderem Holz. Als „Abfallprodukt“ der Plantagenwirtschaft standen solche Materialen in praktisch unbegrenzter Menge zur Verfügung und gehörten damit neben Tonscherben zu den einfachsten und kostengünstigsten Beschreibstoffen, die wir kennen. Diese einzigartige Manuskriptkultur existierte im Süden der Arabischen Halbinsel vom frühen 1. Jahrtausend v. Chr. bis in die unmittelbar vorislamische Zeit im 6. Jahrhundert n. Chr. Die vorliegende Urkunde auf Wacholderholz zeigt nicht nur anschaulich die Beschaffenheit rechtsverbindlicher Dokumente in Südarabien, sondern ist auch für die Sozialgeschichte der Region von herausragender Bedeutung. Der Text konstatiert, dass zwei Mädchen – Zwillingsschwestern – in Besitz und Verfügungsgewalt ihrer eigenen Familie übergeben werden. Der eigenen Familie?

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August 2015

Zufallsfund in den Tigray-Bergen
Wenn ein Wissenschaftler unter einen Kirchenschrank schaut ...



Manuskript aus der Kirche in
ʿUra Mäsqäl, UM–039, fol. 13v

Nur ein geringer Teil der etwas mehr als 200.000 christlich-äthiopischen Pergamentmanuskripte, die in Äthiopien, Eritrea und Bibliotheken und Sammlungen im Ausland vermutlich noch erhalten sind, gehen auf die Zeit vor dem siebzehnten Jahrhundert und noch weniger auf die Zeit vor dem sechzehnten und fünfzehnten Jahrhundert zurück. Vor dem vierzehnten Jahrhundert geschriebene Manuskripte sind extrem selten. Nichtbiblische Manuskripte solch frühen Datums bilden die absolute Ausnahme. Die Entdeckung zweier Folios eines aus der Zeit vor dem dreizehnten Jahrhunert stammenden nicht-biblischen Manuskripts unter einem Schrank in der Kirche von ʿUra Mäsqäl in Nordtigray nahe der eritreischen Grenze im Jahr 2010 warf eine entscheidende Frage auf: Aus welchem Werk stammen sie ursprünglich? Die Antwort ist nur eine Episode in der faszinierenden Geschichte der als Aksumite Collection bekannt gewordenen Sammlung aksumitischer Texte.

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Juli 2015

Besser als eine Katze!
Die sieben Leben eines Korankommentars aus dem Jemen



Biblioteca dell’Accademia Nazionale dei Lincei e Corsiniana,
Ms. Or. 78a, 1r

Zwischen 1035 und 1054 verfasste der letzte Exeget der sunnitischen Schule von Nischapur (Iran), Abū al-Ḥasan ‘Alī al-Wāḥidī, den Tafsīr al-Basīṭ (Großer Kommentar). Hierbei handelte es sich um das erste Werk, das den Koran hauptsächlich durch die Analyse seiner Worte, seiner Sprache und des historischen Kontextes erklärte. Dreihundert Jahre später fertigte ein Schreiber eine aus sechzehn Manuskripten bestehende Fassung des Textes an, und wiederum sieben Jahrhunderte danach landete der siebte Band dieses Werks auf dem Tisch des Restaurators. Bei einer Restaurierung geht es neben der Reparatur der physischen Form eines Artefakts vor allem auch darum, etwas über seine Geschichte zu erfahren. Die Spuren an dem vorliegenden Manuskript lassen sofort erkennen, dass es ein sehr abenteuerliches Leben gehabt haben muss. Es war in einem relativ schlechten Zustand und wies Zeichen zahlreicher Änderungen, Verschönerungen und Eigentümerwechsel auf. Was genau war mit diesem Manuskript in den vergangenen sieben Jahrhunderten geschehen, in denen es – ähnlich wie eine Katze – mehrere verschiedene Leben hatte?

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Juni 2015

Die Kunst des Beschützens
Eine illuminierte magische Handschrift aus Nepal



Cambridge University Library MS Add. 1326, 223v

Dieses bedeutende und sorgfältig gestaltete Sanskrit-Manuskript aus dem Jahr 1719 stammt aus Nepal. Im Kolophon sind detaillierte Informationen über einen buddhistischen Laien enthalten, der die Anfertigung des Manuskripts finanziert hat. Trailokara, ein frommer Anhänger der Glaubenslehre, hatte beschlossen, eine immense Sammlung von Zaubersprüchen in einem einzigen Band niederschreiben zu lassen und diesen nicht nur mit wunderschönen Miniaturmalereien von verschiedenen Gottheiten zu bebildern, sondern auch mit einem Gruppenporträt seiner eigenen Familie. Doch was waren die Beweggründe dieses Haushaltsvorstands aus Kathmandu, sich für ein so ambitioniertes und zweifellos kostspieliges Vorhaben einzusetzen?

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Mai 2015

Die Vögel fliegen aus!
Ein Buch über die spirituelle Reise wird zu einem reisenden Buch



Staatsbibliothek zu Berlin –
Preußischer Kulturbesitz,
Ms. or. oct. 268, fol. 13r

Die spirituelle Reise einer Gruppe von Vögeln zu Gott stellt das zentrale Thema des Gedichtes Vogelgespräche (Manṭiq at-Ṭayr) dar, das Farīd ad-Dīn ʿAṭṭār aus Nischapur im heutigen Iran um 1200 auf Persisch verfasste. Eine Abschrift dieser poetischen Erzählung findet sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Sie wurde laut Kolophon 1456 vom Kalligraphen ʿAtīq al-Kātib at-Tūnī angefertigt und wenig später mit dreizehn farbigen Illustrationen versehen. Hiermit ist diese Handschrift eine der frühesten, die diese Geschichte bebildern, und es stellt sich die Frage, wie die mystische Gottsuche malerisch umgesetzt worden ist. Indizien wie Notizen, Glossen und der Stil der Dekoration weisen auf weitere Rezeptionen an verschiedenen Orten hin. Wie wurde aus diesem Buch des spirituellen Reisens ein reisendes Buch?

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April 2015

Himmlisches und Irdisches
Ein Notizbuch aus dem Zentrum der Macht



Paris, BnF, Ms. lat. 2718, fol. 72r

Unscheinbar und schmucklos präsentiert es sich, das Ms. lat. 2718 der Pariser Nationalbibliothek. Mit seiner wenig ansprechenden Ausgestaltung und unsystematisch wirkenden Aneinanderreihung von Texten scheint der Kodex zunächst wenig Spektakuläres zu bieten. Tatsache aber ist: Obwohl es sich weit weniger prachtvoll gibt als manch anderes zeitgenössisches Stück, handelt es sich doch um eines der bemerkenswertesten Manuskripte des 9. Jahrhunderts. Das gilt schon für seine ungewöhnliche äußere Form, erst recht aber für seine heterogenen Inhalte, die sich nur schwer auf einen Nenner bringen lassen. Dabei enthält dieses Manuskript die einzigen Überlieferungen einiger zentraler Texte aus der Regierungszeit Kaiser Ludwigs des Frommen (814–840), des Sohnes und Nachfolgers Karls des Großen. Was steckt hinter diesem erstaunlichen Kodex?

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März 2015

Das Manuskript, das niemand lesen kann



Der Codex Rohonci, fol. 40v und 41r

In der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest wird ein Manuskript aufbewahrt, das zahlreiche Rätsel aufgibt: der Codex Rohonci (K 114). Dieser ist in einer Schrift geschrieben, die niemand kennt. Lässt sich mit den Methoden der Kryptologie klären, was in diesem Buch steht und welche Funktion es hatte?

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Februar 2015

König Salomo und der Bund der Beschneidung:
Ein Mohelbuch aus dem Biedermeier



Codex Levy 45, fol. 1r

Dieses Büchlein ist aus Pergament- und Papierblättern zusammengestellt und in einen hellbraunen mit Schwarz verzierten Einband gebunden. Der Buchschnitt ist golden eingefärbt. Bereits von außen betrachtet scheint es sich um ein sorgfältig hergestelltes Buch zu handeln. Schlägt man es auf, so werden sowohl der handgeschriebene Charakter als auch ein ästhetisches Gespür für Schrift und malerische Elemente augenfällig. Auf dem mit hebräischen Quadratbuchstaben beschrifteten Titelblatt sind Moses und Aaron zu sehen, unschwer an ihren Insignien zu erkennen: dem Stab des Moses einerseits und dem Gewand des Hohenpriesters mit Brustschild und Glöckchen andererseits. Viele Pergamentseiten sind mit Zeichnungen geschmückt und kalligraphisch gestaltet. Mehr als die Hälfte des Büchleins besteht allerdings aus Papier. Diese Papierlagen wurden nach dem Pergamentblock eingebunden– sie sind unbeschrieben. Warum?

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Januar 2015

Ein Manuskript als hybrider Talisman:
Die „Kiefernmann“ - Holztafel aus dem Jahr 340 n. Chr.



Holztafel mit „Kiefernmann“

Ein schnurrbärtiger Mann steht mit strengem Blick und vor der Brust verschränkten Unterarmen da. Etwa auf der Höhe des Bauchs trägt er einen breiten Gürtel mit langen Quasten, der einer Schürze ähnelt, und auf dem zwei Schriftzeichen den Begriff „Kiefernmann“ (songren 松人) bilden. Die Schriftzeichen lenken die Aufmerksamkeit auf das ansonsten schmucklose lange Gewand des Mannes. Doch noch interessanter ist, wo dieser Kiefernmann abgebildet ist: Auf einer rechteckigen Holztafel, die vollständig mit Schriftzeichen in schwarzer Tusche ausgefüllt ist. Wer ist dieser Mann? Warum ist er auf dieser Tafel abgebildet?

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Dezember 2014

Seelenheil und Prüderie
Zensur in einer deutschsprachigen Handschrift des 15. Jahrhunderts



Codex germanicus 1, fol. 98v/99r

In der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek findet sich ein spätmittelalterliches deutschsprachiges Manuskript mit einer Reihe ganz unterschiedlicher Texte darin, von denen zwei zensiert wurden, indem einzelne Wörter durchgestrichen wurden. Der Zensor war dabei so gründlich, dass sich diese Wörter selbst mit modernster Technik nicht wieder lesbar machen lassen. Was waren die Gründe für diese Eingriffe, und was verbergen sie bis heute?

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November 2014

Eine wechselvolle Manuskriptbiographie –
Die Odyssee des Codex Florentinus



Doppelseite aus Codex Florentinus, Buch 1, fol. 5v–6r

Der Codex Florentinus ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie vielgestaltig die Biographie eines Manuskriptes im späten 16. Jahrhundert sein kann: Innerhalb von weniger als fünf Jahrzehnten wurde er in Neuspanien (dem heutigen Mexiko) zunächst von der Kirche in Auftrag gegeben, dann auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt, nach Europa verschifft, gelangte dort vom Hof des spanischen Königs in Madrid nach Rom in den Besitz des Papstes und wurde schließlich in Florenz Teil der Kunst- und Wunderkammer der Familie Medici.

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Oktober 2014

Aus Liebe zur Kalligraphie:
Der Brief eines chinesischen Kalligraphen



Brief an den Ehrwürdigen Jingwen aus Xizhou.
© Nationales Palastmuseum (Taipeh)

Mi Fu 米芾 (1051–1107), ein aufgrund seines kalligraphischen Talents berühmter Beamtengelehrter des 11. Jahrhunderts, schrieb einem Freund, um ihm im Tausch gegen ein von ihm bewundertes altes kalligraphisches Kunstwerk einige kostbare Gegenstände anzubieten. Das Ergebnis war ein kurzer Brief, der bis heute erhalten ist. Obwohl der Brief nur 85 chinesische Schriftzeichen umfasst, ist er ein Zeugnis von großer kultureller Bedeutung, und der Stil, in dem er geschrieben wurde, demonstriert das bewundernswerte künstlerische Talent des Verfassers. Wie sind Form und Inhalt in einem derartigen chinesischen Brief miteinander verbunden, oder anders formuliert, wie verhalten sich die brieflichen und kalligraphischen Eigenschaften des Manuskriptes zueinander?

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September 2014

Mit Luft geschrieben



Licht fällt durch die ausgeschnittenen Buchstaben
auf fol. 49v. des Manuskriptes A42.

Auf den ersten Blick mag dieses Buch wie viele andere arabische Handschriften aussehen. Öffnet man den eleganten braunen Ledereinband mit seiner schützenden Klappe, ein typisches Merkmal islamischer Bücher, begegnet man auf den ersten Seiten einem Text, der in einer konventionellen Buchhand geschrieben wurde. Doch schon nach wenigen Seiten kündigt ein Doppelvers eine höchst ungewöhnliche Leseerfahrung an: “Lies Buchstaben ohne Tinte / ihre Tinte wurde vielmehr die Luft (iqra’ ḥurūfan bi-lā midād / qad ṣāra ḥibran la-hā l-hawā إقرأ حروفاً بلا مداد / قد صار حبراً لها الهوأ)”. Wie sollen wir diese Worte verstehen? Was sah der überraschte Betrachter, wenn er die Seiten durchblätterte, auf denen die Buchstaben mit Luft geschrieben waren?

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August 2014

Von Wegen und Wirrungen in unbeschriebenen Räumen:
Das Schicksal der Vier Evangelien des Ioan von Kratovo



Die Vier Evangelien des Ioan von
Kratovo (HACI 34, fol. 10a)

Diese im Jahr 1562 angefertigte, gut erhaltene kirchenslawische Version der Vier Evangelien (HACI 34) war seit jeher ein wertvoller Gegenstand. Es handelt sich nicht nur um ein von dem berühmten orthodoxen Kalligraphen und Illuminator Ioan von Kratovo (wirkend 1526–1583) kunstvoll gestaltetes Werk, sondern darüber hinaus ist das Manuskript von kostbaren Edelmetallen dick umhüllt; allein der versilberte und vergoldete Einband wiegt 14 Kilogramm. Die Geschichte dieser Handschrift können wir anhand der diversen Anmerkungen an den Seitenrändern teilweise rekonstruieren. Einige dieser Randbemerkungen sind in ungelenker Schrift geschrieben; es überrascht, dass ein solch wunderschönes Buch, dem einst sakrale Kräfte zugeschrieben wurden, von kindlich anmutenden Kritzeleien übersät ist. Ein besonders interessanter Kontrast findet sich auf einer opulent illuminierten Seite, auf der am Rand ein gewisser Petre, der anscheinend zu einer Familie von Boza-Verkäufern gehörte (Boza war ein fermentiertes Getränk, das zur Zeit der Osmanen auf dem Balkan verbreitet war), eine Eintragung hinzugefügt hat. Wie war es möglich, dass die grobe Handschrift eines Boza-Verkäufers ihren Platz in diesem zeremoniellen Buch finden konnte, dessen Handhabung ein Privileg des Klerus war?

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Juli 2014

Wie viele Sprachen finden Sie?
Ein mehrsprachiges Manuskript aus Südindien



Das Manuskript RE22704 (folio 2, recto 2)

Dieses Manuskript (RE22704), das aus dem äußersten Süden Indiens stammt, genauer aus einer der Sammlungen in Pondicherry, bezeugt ein charakteristisches Merkmal des gesamten Subkontinents, insbesondere in akademischen Milieus: Mehrsprachigkeit. Jahrhundertelang war Sanskrit die von der intellektuellen Elite der Region für das Schreiben von Texten benutzte Sprache, aber schon bald verwendete man parallel dazu auch lokale und überregionale Schriftsprachen, in denen ebenso anspruchsvolle Texte erschienen. Wie sich dieses Phänomen in der materiellen Kultur widerspiegelt, ist eine Thematik, die noch einer umfassenden Untersuchung bedarf. Dieses Manuskript stellt ein interessantes Beispiel dafür dar. Ungeachtet seines gleichförmigen Layouts stellt sich die Frage: Wie viele Sprachen enthält es?

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Juni 2014

Wenn der Mars im Zeichen des Steinbock…



Das Manuskript 4°Ms. Hass. 57

Wer heutzutage einen Ausflug plant oder ein Grillfest, wird vielleicht die Tagesschau abwarten, wirft einen Blick ins Internet oder greift auf eine App zurück – aber wer würde auf die Idee kommen, die Sterne zu befragen? Tatsächlich hätten bis ins 18. Jahrhundert hinein nur wenige den Zusammenhang zwischen den Konstellationen der Gestirne und dem irdischen Wetter bestritten – praktischen Ausdruck fand dieser als „Astrometeorologie“ bezeichnete Aberglaube in den sogenannten „Schreibkalendern“, die für ein Jahr im Voraus ihre Prophezeiungen machten. Unter der Signatur Ms. Hass. 4°57 der Handschriftenabteilung der Landes- und Murhardschen Bibliothek der Stadt Kassel verbirgt sich ein ganz besonderes Exemplar eines solchen „Schreibkalenders“.

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Mai 2014

Ein vielbändiges Manuskript des mongolischen buddhistischen Kanons



Das mongolische Kanjur-Manuskript. Blatt 1v des Bandes „pa“, Abschnitt Eldeb (Sūtra). © Staatliche Universität Sankt Petersburg

Die erste bis heute erhaltene Ausgabe des Kanjur (Kanon des Buddhismus in mongolischer Übersetzung) enthält insgesamt 883 Schriften und wurde von 1628 bis 1629 unter Ligdan Khan (1588–1634), dem letzten Khan der Mongolei, in Manuskriptform erstellt. Das einzige vollständige Manuskript – es umfasst 113 Bände – wird heute in der Bibliothek der Staatlichen Universität Sankt Petersburg in Russland aufbewahrt. Trotz seiner langen Erforschungsgeschichte lässt dieses gewaltige Manuskript noch immer einige Fragen offen. Wann und wo wurde es geschrieben? Warum weist es eine so andere Gliederung auf als die Blockdruckausgabe des mongolischen Kanons, die im 18. Jahrhundert zusammengestellt wurde?

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April 2014

Ein fleischgewordener Buchstabe?



Cod. in scrin. 1b, Fol. 1v, Detail

In diesem mittelalterlichen Manuskript der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, das einen altehrwürdigen Text aus dem 8. Jahrhundert trägt, aber erst gut 300 Jahre danach in einem Kölner Klosterskriptorium entstanden ist, wird ein einziger Buchstabe nicht als klassisches Buchstabenzeichen wiedergegeben. Er dient vielmehr als Hintergrund für eine menschliche Figur und wird von dieser fast gänzlich überschnitten. Es ist der erste Buchstabe des ersten Wortes im gesamten Buch. Wer ist die Person und warum blickt sie den Betrachter so durchdringend an?

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März 2014

Die älteste datierte sundanesische Handschrift:
Eine Enzyklopädie aus West-Java, Indonesien



NLI L 630, peti 16 im Behälter, mit einer geöffneten Seite.

Aus der vorislamischen Manuskriptkultur des sundanesischen Sprachraums in West-Java sind heute nur noch ca. 100 Dokumente erhalten. Die vorliegende Handschrift wurde in der für in dieser Tradition stehende heilige Texte, und überhaupt für altjavanische Texte, typischen verschnörkelten Schrift mit schwarzer Tinte auf Blättern der Gebang-Palme (Corypha gebanga) niedergeschrieben. Sie enthält die „Heiligen Gebote der Einsiedler für die Lebenswelt“ (Saṅ Hyaṅ Siksa Kandaṅ Karəsian) und ist eines der bedeutendsten Dokumente in Altsundanesisch. Es handelt sich um eines von nur sechs Manuskripten in dieser Sprache, die nicht die sundanesische Schrift verwenden. Niedergeschrieben 1518 AD, ist es die einzige altsundanesische Handschrift, die eine Datierung enthält. Die physischen Merkmale des Manuskripts werfen Licht auf die Tradition der Handschriftenherstellung im präkolonialen West-Java. Ihr Inhalt wirft ein interessantes Licht auf das soziale Leben jener Zeit. Welche konkreten Aspekte sind es, die dieses Manuskript so interessant machen?

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Februar 2014

Kreativität auf der Manuskriptseite:
William Wordsworths Tagebuchheft (DC MS 19)



William Wordsworth’s Diaries Notebook
(DC MS 19, f.4r)

Unansehnlich und zerfleddert vom Gebrauch, stellt dieses kleine Heft mit schwarzem Umschlag, welches die älteste bekannte Version von William Wordsworths (1770–1850) großem autobiographischem Gedicht The Prelude („Präludium“) enthält, ein Manuskript dar, das die Vorstellungskraft anspricht. Bei dem Notizbuch, einem der wertvollen Schätze des Wordsworth-Museums in Dove Cottage, Grasmere, Nordengland, handelt es sich um einen billigen, alltäglichen, kurzlebigen Gebrauchsgegenstand. Und obwohl auf einem Papieretikett auf der Vorderseite des Heftes als Titel „Diaries“ („Tagebücher“) eingetragen ist, war der ursprüngliche Verwendungszweck rein praktischer Natur. Was also ließ das Heft so bedeutsam erscheinen, dass es wert erschien, es aufzubewahren?

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Januar 2014

Birkenrinde aus Gandhāra:
Die Entdeckung der Schriftlichkeit in buddhistischen Klöstern


Detailansicht der Rolle Or. 14195.19–21 (Baums 2009, Tafel 5). ©The British Library Board und Stefan Baums

Ein Birkenrindenmanuskript aus Gandhāra gibt Einblick in die Rolle der Schriftlichkeit in antiken buddhistischen Klöstern und in die Entwicklungen, die der Buddhismus auf dem Weg von seiner Geburtsstätte im östlichen Indien nach Zentralasien und China durchlief. Die Handschrift entstammt einer Manuskriptkultur, die in der Mitte des ersten Jahrtausends durch den Siegeszug des Sanskrit, der Brāhmī‐Schrift und des Palmblattformats ausstarb und in Vergessenheit geriet. Erst in den letzten Jahrzehnten ist sie durch umfangreiche Neufunde und eine geduldige Editionsarbeit wieder in das Blickfeld von Wissenschaft und Öffentlichkeit gelangt. Welche neuen Erkenntnisse gewährt die Handschrift über die Geschichte des Buddhismus und die Einführung der Schrift in Südasien in den Jahrhunderten um die Zeitenwende?

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Dezember 2013

Zum Lob eines chinesischen Kaisers: Das Fragment eines tangutischen Manuskripts



Manuscript Or.12380/2579, recto & verso.
© The British Library

Bei der aufwendigen Schrift des hier gezeigten Manuskripts handelt es sich um Tangutisch, eines der nichtchinesischen Schriftsysteme, die im Mittelalter in Nordchina erfunden wurden. Das Fragment einer Übersetzung eines verschollenen chinesischen Textes enthält Dialoge zwischen dem Tang-Kaiser Taizong (reg. 626–649) und seinen fähigen Ministern und belegt – zusammen mit anderen ähnlichen Texten – die weitverbreitete Verehrung Taizongs im Tangutischen Reich. Wenn jedoch das Interesse der Tanguten an der literarischen Tradition Chinas so groß war, warum unternahmen sie dann den Versuch, sich von ihr zu distanzieren, indem sie eine eigene Schrift entwickelten?

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November 2013

Wieso benutzt man die nicht mehr gebräuchliche arabische Swahili-Schrift?



Sheikh Ali Al-Buhrys Manuskript

Mehr als ein halbes Jahrhundert nachdem man die Benutzung der arabischen Schrift für das Schreiben in Swahili entweder für den offiziellen Gebrauch verboten (1902 in Deutsch-Ostafrika) oder wie die Briten an den Rand gedrängt hatte (1920 in Tanganyika Territory), wurde ein Swahili-Tafsir (Kommentar) zu den ersten sechs Suren (Kapitel) des Korans in eben dieser Schrift niedergeschrieben. Was bewog Anfang der 1950er Jahre Scheich Ali Hemed Abdallah Said Abdallah Masudi Al-Buhry (1889 1957), den Autor und Schreiber des Manuskripts, zu dem Entschluss, eine nicht mehr gebräuchliche Schrift zu benutzen, zu einer Zeit, als es nur noch wenige Personen gab, die diese Schrift lesen konnten?

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Oktober 2013

Ein Tonmanuskript mit Keilschriftzeichen aus sehr verschiedenen Zeiten



Reproduction of ND 4311 + K. 8520, recto

Eine Tontafel, die im 7. Jahrhundert v. Chr. beschrieben wurde, enthält eine Standardliste mit Keilschriftzeichen, die zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. verwendet wurden, sowie deren archaische Formen, die vermeintlich Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. in Gebrauch waren. Was veranlasste einen Schreiber im 1. Jahrtausend v. Chr., derart alte Zeichen zu verwenden?
Diese Tontafel ist bekannt, weil zwei Fragmente, die 80% der Tontafel ausmachen, erhalten geblieben sind. Die Inventarnummern der beiden Fragmente weisen allerdings darauf hin, dass sie an zwei unterschiedlichen Orten gefunden wurden.

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September 2013

Notizen sind der Schlüssel …



Cod. Orient 274

Auf den ersten Blick erweckt dieses Manuskript aus dem Besitz der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg den Eindruck, es gehöre zur europäischen Manuskripttradition. Der Einband, bei dem es sich um die Überreste eines lateinischen Lektionars handelt, ist nämlich offensichtlich westeuropäischer Herkunft. Die Signatur „Orient. 274“ belehrt den Leser jedoch eines Besseren, und beim Durchblättern dieses in fidäl – der Schrift für die klassische äthiopische Sprache Ge’ez – geschriebenen Manuskripts wird klar, warum es als „orientalisch“ katalogisiert wurde. In der unteren Ecke des ersten Blatts fällt dem Leser folgende Notiz in lateinischer Sprache ins Auge: „Ich gehöre Johann Dieckmann aus Stade. Der [mich] im Februar 1668 in der Bibliotheca Gerhardina in Jena abgeschrieben hat“ (Abb. 3). Diese Aussage wirft viele Fragen auf, etwa: Wer war Johann Dieckmann? Was wissen wir über Gerhards Bibliothek, und wer war Gerhard? Was ist der Inhalt dieses kleinen Manuskripts, und warum wurde es auf diese Weise gebunden?

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August 2013

Ein Manuskript als Kartenspiel?



Kartenset Nr. 86 mit einem Gedicht von Taikenmonin no Horikawa
(Gelesen wird zuerst die rechte, dann die linke Karte, jeweils von r. n. l.)

Ein Set von abgegriffenen Spielkarten in einem Lackkästchen, mit farbigen Porträts von Männern und Frauen in historischer Kleidung, darüber und daneben feine kalligraphische Tuschespuren. Warum ein Kartenspiel für die Familie aus dem Japan des 18. Jahrhunderts zum Gegenstand der Manuskriptologie werden kann.

Dieses Manuskript aus privatem Besitz besteht aus einem Set von ursprünglich 200, jetzt noch erhalten 198 kleinen Spielkarten, die auf jeweils 100 Karten den Ober- und Unterstollen der populärsten Gedichtanthologie Japans, der „Anthologie jeweils eines Gedichts von 100 Dichtern“ (Hyakunin isshu), wiedergeben.

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Juli 2013

Nähte, Flicken, Glossen:
Traditionelle Instandhaltungsmethoden in einem Koranmanuskript aus Borno



Fol. 2a. Zweite Seite der Vorrede.

Dieser Koran wurde möglicherweise im 17., spätestens aber im 18. Jahrhundert im ehemaligen Sultanat Borno kopiert. Das Manuskript enthält umfangreiche Anmerkungen zum arabischen Text des Korans, was typisch für viele andere Korane aus Borno im nordöstlichen Nigeria ist. Die Anmerkungen sind sowohl in Alt-Kanembu (eine exegetische Sprache, die eng verwandt ist mit dem in der Umgebung des Tschadsees gesprochenen Kanuri) als auch in Arabisch geschrieben und bezeugen ein fortgeschrittenes Koranstudium islamischer Gelehrter und ihrer Schüler. Die Kommentare zum Koran in beiden Sprachen stammen aus Unterrichtssituationen und waren nicht zum Kopieren gedacht, was die Abwesenheit identischer Abschnitte oder Wörter in allen bekannten Manuskripten erklärt. Das hier vorgestellte Manuskript ist eine einzigartige Ausnahme, da der gesamte Inhalt des letzten Blattes kopiert und mit dem Original aufbewahrt wurde. Was könnte der Grund für diese ungewöhnliche Beilage gewesen sein?



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Juni 2013

Götter, Gifte und Gelehrte



Spezialgerät für Multispektralaufnahmen im Einsatz
in den National Archives in Kathmandu.

Eine Gruppe von Natur- und Geisteswissenschaftlern des Sonderforschungsbereichs ist in diesem Jahr für drei Wochen nach Kathmandu gereist, um dort lagernde Handschriften erstmals unter Zuhilfenahme einer Reihe von modernsten technischen Geräten einer manuskriptwissenschaftlichen Analyse zu unterziehen. Mit ihrer Hilfe wurde auch eine Palmblatt-Handschrift untersucht, die den esoterischen buddhistischen Text „Kommentar zum Tantra der Gottheit Trisamayarāja“ (Trisamayarājaṭīkā) enthält. Der auf Sanskrit geschriebene Text ist anonym und liegt uns einzig in Form dieses Manuskripts vor. Die Ergebnisse der Materialuntersuchung sind bemerkenswert: Erstens ergab sie, daß die Handschrift mit Arsen (auf den Blättern) und Quecksilber (in der Tusche) Elemente enthält, die auf die Verwendung hochgradig giftiger Substanzen hinweisen. Zweitens wurden mit Hilfe von multispektralen fotografischen Spezialaufnahmen textliche Elemente lesbar gemacht, die mit dem bloßen Auge nicht zu entziffern waren. Aber damit nicht genug: Es kam sogar vereinzelt Text zum Vorschein, der zuvor gänzlich unsichtbar war. Rühren die genannten Phänomene womöglich daher, daß es sich hier um die Handschrift eines Textes handelt, der dem esoterischen Buddhismus angehört und somit vor dem Zugriff von Uneingeweihten geschützt werden sollte?


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Mai 2013

Ein Manuskript sticht in See



„...gegen Mittag landeten wir auf der Insel von Giresun und erreichten dann [die Stadt] Giresun und als wir dort waren, sahen wir, dass die eine Seite der Burg zerstört war, zerstört wurden auch zwei Häuser. [...] [E]in solches Erdbeben hat es noch nie in dieser Gegend gegeben.“ Diese Sätze entstammen einer tagebuchartigen Notiz, die an eine freigelassene Stelle in diesem griechischen Manuskript geschrieben wurde. Über das gesamte Buch verteilt finden sich ähnliche Notizen, ferner einfache Illustrationen und simple Schreibübungen aus unterschiedlicher Feder. Sie alle zeigen uns, dass einige Besitzer dieses Manuskript Jahrzehnte nach seiner Fertigstellung zu anderen Zwecken als der Lektüre nutzten. Was verraten uns diese ungewöhnlichen Ergänzungen über die Geschichte und Nutzung dieses Manuskriptes?



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April 2013

Sieben auf einen Streich
Ein vielsprachiges Manuskript der Österreichischen Nationalbibliothek



Cod. A.F.437, fol. 29v, Erstes Gebot
in fünf Sprachen (Deutsch: vorletzte
und letzte Zeile)

Das in arabischer Schrift geschriebene Manuskript wirkt auf den ersten Blick nicht außergewöhnlich. Man findet darin religiös-islamische, poetische und auch abergläubische Texte auf Arabisch, Persisch und Türkisch, das bis in die 1920er Jahre auch mit arabischen Buchstaben geschrieben wurde. Bei etwa einem Drittel der Blätter kommt man aber mit Kenntnissen dieser drei großen orientalischen Sprachen nicht weiter: Zwar ändert sich weder das Schriftsystem noch die Handschrift des Schreibers, aber es wird darauf verwiesen, dass nun kroatische, ungarische, deutsche und sogar lateinische Passagen folgen. Mit etwas Eingewöhnung entziffert man auch die ersten deutschen Worte „du solt nit andere getter neben mir haben“. Wie ist dieses Manuskript entstanden, das wirkt, als sei es aus einem Guss, und doch so Verschiedenartiges enthält, und für wen war es bestimmt?

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März 2013

Von Sammlern und Siegeln
Die bewegte „Lebensgeschichte“ eines chinesischen Manuskripts



Die „Annalen der Familie Ming“
(Mingshi shilu) von Yang Xueke,
(fol. 1r)

Beim Betrachten dieses chinesischen Manuskripts fallen zu allererst die fünf roten Rechtecke auf. Es sind Abdrücke von Buchsammlersiegeln, die eine sehr lange Tradition in China haben. Die Praxis chinesischer Sammler, ihre Bücher mit Siegelabdrücken zu markieren, ist seit dem 7. Jahrhundert belegt. Häufig ist zu beobachten, dass Sammler ihr Siegel neben ältere Abdrücke setzen, was in Einzelfällen zu mehreren Dutzend solcher Abdrücke auf einem einzigen Manuskript (oder Druck) führen kann. Anhand der Siegelinschriften lassen sich die verschiedenen Besitzer eines Buches identifizieren und so seine „Lebensgeschichte“ rekonstruieren. Heute befindet sich dieses Manuskript im Besitz der Nationalen Zentralbibliothek Taiwans. Doch wie gelangte es dorthin und was erzählen die Siegelabdrücke über das frühere „Leben“ dieses spätkaiserzeitlichen Manuskripts?

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Februar 2013

Das Gebet als sakrale Peepshow?
Das Kopenhagener Stundenbuch und sein besonderes Layout



Das Kopenhagener Stundenbuch, fol.46v-47r

Durchlöcherte Buchseiten, durch die man auf darunterliegende Bilder blickt – das ist eine Idee, die man heute wohl am ehesten mit einem Kinderbuch assoziieren würde. Was aber hat es damit auf sich, wenn uns solche „Gucklöcher“ in einem christlichen Gebetbuch, einem sogenannten Stundenbuch, aus dem frühen 16. Jahrhundert begegnen? Handelt es sich, wie bisher angenommen, auch hier bloß um eine Spielerei, oder wurde eine tiefere Absicht verfolgt?

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Januar 2013

Verborgene Heilige und Buchbinder



Hamburg, Staats- und Universitätsbibliothek,
Cod. orient. 5, fol. 233 v–234 r

Blättert man durch ein kleinformatiges Manuskript mit osmanisch-türkischen und arabischen Texten aus der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek, springen zwei Illustrationen ins Auge, die einem Kompass ähneln. Sie zeigen, wo die „Männer der Verborgenheit“, eine Gruppe von Heiligen, zu finden sind. Bei genauerer Durchsicht des Büchleins fällt auf, dass die Blätter teilweise ungeordnet aufeinander folgen, und man fragt sich, welcher Buchbinder sich eine solche Fahrlässigkeit leisten konnte. Lässt sich darauf eine Antwort finden, oder wird dies verborgen bleiben?

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Dezember 2012

Sex & Crime im alten China – Realität oder Fiktion?



Bambusleisten des Zouyan shu

Ein Manuskript aus dem 2. Jahrhundert vor unserer Zeit gibt Auskunft über die dunklen Seiten des damaligen Lebens: von Diebstahl und Erpressung über Verrat und Unzucht bis hin zu Mord und Totschlag werden Straftaten und ihre Aufklärung in 22 Auszügen aus Prozessakten und historischen Lehrtexten, in denen Justizbeamte die Hauptrolle spielen, beschrieben. Doch das Manuskript wirft Fragen auf. Nicht wenige der Fälle würden guten Stoff für Film- und Fernsehen bieten, und bei einigen fragt der Leser sich: Handelt es sich um Aufzeichnungen, die mit realen Rechtsfällen in Verbindung stehen, oder nur um Fiktion?

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November 2012

Mit den Heiligen kamen die Manuskripte...



‘Adwā (Tegrāy), Dabra Madarā, Endā Abbā Garimā,
ms. C2 IV 92, fols. 12v-13r

Die Anfänge der christlich-äthiopischen Manuskriptkultur sind noch immer unbekannt, doch die Tradition besagt, dass die Bibel im späten 5. oder frühen 6. Jahrhundert in Ge’ez übersetzt wurde, die damalige Sprache Äthiopiens. Die Neun Heiligen, eine Gruppe ausländischer Mönche, kamen angeblich aus verschiedenen Provinzen des orientalischen Teils des Römischen Reichs nach Äthiopien, übersetzten die Bibel und verbreiteten das Christentum im nördlichen Teil des Königreichs. Der Prozess der Christianisierung führte nicht nur zur Übersetzung der Bibel, sondern begründete auch eine Manuskriptkultur in den Klöstern. Das hier vorgestellte Manuskript bietet einen Einblick in die Legende von Garimā, einem der Neun Heiligen, der als einer der Ersten die Evangelien in Ge’ez übersetzt haben soll. Wie spiegelt sich diese Legende von Garimās Bibelübersetzung im Manuskript wider? Und warum hat diese Legende von den Anfängen der Manuskriptherstellung in Äthiopien einen Prestigewert für das Kloster, in dem das Manuskript erstellt wurde?

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Oktober 2012

Sonderausgabe

Aus gegebenem Anlass befasst sich das Manuskript des Monats diesmal in einer Sonderausgabe mit einem aktuellen Fall. Das „Evangelium der Frau von Jesus“, wie die Harvard-Professorin Karen L. King und einige ihrer Kollegen den koptischen Text auf einem Papyrus-Fragment nennen, hat bereits viel Staub in den Medien aufgewirbelt. Gleich, wie das wissenschaftliche Urteil dereinst ausfallen wird: Ohne die Beantwortung zahlreicher noch offener Fragen ist jede Diskussion von Kings Thesen müßig. Es steht zu hoffen, dass bei Untersuchung des Fragments auch die avancierten Methoden naturwissenschaftlicher Materialanalyse zum Einsatz kommen, wie sie unsere Partner von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung entwickeln. Der renommierte Ägyptologe und Koptologe Alberto Camplani hat dankenswerterweise zugestimmt, seinen kritischen Beitrag aus dem Osservatore Romano vom 28. September 2012 in unserer Reihe zu veröffentlichen; die Redaktion besorgten Antonella Brita und Karsten Helmholz.


Die Frau von Jesus – Ein Papyrus auf Abwegen



Papyrus-Fragment Vorderseite.
© Karen L. King, Harvard University, 2012

„Wissenschaftlerin aus Harvard entdeckt Hinweis, dass Jesus verheiratet war“. Unter dieser Überschrift berichtete der amerikanische Sender Fox News über einen Vortrag, den Karen L. King am Abend des 18. September während des 10. Internationalen Kongresses für Koptologie im Institutum Patristicum Augustinianum gehalten hatte, nur wenige Schritte vom Vatikan entfernt. Die Berichte der europäischen und italienischen Medien gingen in eine ähnliche Richtung, allerdings mit Unterschieden in Tonfall und Sachverstand sowie durch wenig relevante Bezüge zu Dan Browns Roman Sakrileg. Die Nachricht ist schnell erzählt: Im Verlauf der Konferenz stellte die Wissenschaftlerin ein Papyrus-Fragment vor, auf dem in koptischer Übersetzung eine Unterhaltung zwischen Jesus und seinen Jüngern über eine Frau namens Maria widergegeben wird. Jesus bezeichnet sie als „seine Frau“ (ta-hime/ta-shime, was im Koptischen „Frau“ oder „Ehefrau“ entspricht). Solch eine Bekanntmachung ist keinesfalls ungewöhnlich für eine wissenschaftliche Konferenz. In diesem Fall jedoch hatte der Kurzschluss zwischen Forschung und Medien – der keine Zeit mehr für eine seriösere wissenschaftliche Debatte lässt – bereits vor der Konferenz stattgefunden. Die am selben Tag voreilig in amerikanischen Medien verbreitete Nachricht beruhte auf einem Interview, das Karen L. King schon vor ihrer Abreise nach Italien gegeben hatte.

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September 2012

Warum Mekka?



Muḥammad b. Sulaymān al-Ǧazūlī: Dalāʾil al-ḫayrāt (Mekka und Medina)
Bayerische Staatsbibliothek, Cod.arab.2673 (13v, 14r), 1857

Das Werk Dalāʾil al-ḫayrāt ist eine der wichtigsten und verbreitetsten islamischen Gebetssammlungen. Es ist von Marokko, wo es verfasst wurde, bis weit nach Südostasien bekannt, und weltweit gibt es mehrere tausend Abschriften, die dieses Werk enthalten. Ein Münchener Kodex von 1857 aber auch einige andere Manuskripte sowie verschiedene Druckausgaben zeigen nach dem Vorwort eine doppelseitige Illustration der heiligen Stätten Mekka und Medina. Manuskripte dieser Art stehen am Ende einer längeren Entwicklung, die bei nicht illustrierten Abschriften der Dalāʾil al-ḫayrāt begann. Doch warum werden Mekka und Medina abgebildet, obwohl Mekka gar nicht Gegenstand der Gebetsammlung ist?

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August 2012

Ist doch alles Gold, was glänzt?



Hamburg, Staats- und Universitätsbibliothek,
Cod. in scrin. 5, Fol. 2v

Unter den Schätzen der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek ist ein Manuskript des Werkes De civitate Dei („Über den Gottesstaat“ bzw. „Über die Stadt Gottes“), das zwischen 412 und 426 vom Kirchenvater Augustinus verfasst wurde. Das Hamburger Manuskript wurde um 1150-70 in der Benediktinerabtei St. Pantaleon in Köln hergestellt. Das Skriptorium dieser Abtei ist vor allem für seine kostbaren liturgischen Manuskripte aus Ottonischer Zeit (10. Jh.) bekannt. In den Miniaturen dieser Manuskripte stellten Goldgründe nicht nur den Reichtum der Stifter zur Schau; das während des Gottesdienstes im Kerzenlicht funkelnde Gold machte auch die Gegenwart des Göttlichen begreifbar. Im Vergleich dazu ist der Augustinus-Codex relativ schlicht. Nur seine Titelseite und zwei auf sie folgende ornamentale Zierseiten sind aufwändiger gestaltet; aber auch sie enthalten keine Bilder, keine kostbaren Pigmente und kein Blattgold. Hat man hier ganz auf das semantische Potenzial nicht nur von Bildern, sondern auch von kostbaren Materialien verzichtet? Oder gelingt es trotzdem, in einer sorgfältig orchestrierten Einleitung in das Werk des Kirchenvaters die Symbolkraft von Gold und edlen Farbstoffen aufzurufen, um Augustinus‘ berühmte Vision der Gottesstadt ins rechte – in ein himmlisches – Licht zu rücken?

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Juli 2012

Der seltene Fall eines benutzerfreundlichen tamilischen Manuskripts



Tirumurukāṟṟuppaṭaikkup Parimēlaḻakiyar Uraipāṭam, BNF Indien 66, Titelblatt

Tamilische Manuskripte von Kommentaren, etwa zu grammatikalischen Abhandlungen oder Literaturtexten, stellen eine Herausforderung für den Leser dar. In der Regel sind in Manuskripten enthaltene tamilische Texte in einer Art scriptio continua geschrieben, d.h. in einer Schreibweise ohne Worttrennung, die kaum Interpunktion verwendet. Eine weitere Schwierigkeit bedeutet im Falle eines Kommentars (auf Tamilisch urai) die Aufgliederung des Urtextes (auf Tamilisch mūlam oder pātam) in kleine Abschnitte, wobei auf jeden einzelnen Abschnitt Erklärungen folgen. Falls ein Leser eine bestimmte Stelle im Kommentar nachschlagen möchte, wird es für ihn schwierig sein, diese schnell zu finden, da er Seiten durchsuchen muss, die vollständig mit Schriftzeichen beschrieben sind. Hat sich jemals ein Kopist, der mit der Abschrift tamilischer Manuskripte beschäftigt war, über die Benutzerfreundlichkeit eines Kommentars für zukünftige Leser Gedanken gemacht und Lösungen bereit gestellt?

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Juni 2012



Propagandaschrift zugunsten eines
westafrikanischen Herrschers im 19. Jahrhundert

„Unter dem Titel Fettassi gab Koti eine Chronik der Königreiche von Ganata, Songhoi und Timbuktu von ihrer Entstehung bis zum Jahr 1554 (950 der Hiǧra) heraus. Trotz akribischer Forschung habe ich lediglich Fragmente dieses wichtigen Werkes beschaffen können. Jeder kennt dieses Werk im Detail, aber keiner besitzt es; es ist das Phantom-Buch des Sudan.“ Mit diesen Worten bezog sich Félix Dubois, ein Journalist der französischen Zeitung Le Figaro, im Jahr 1896 auf eine Chronik, die in Timbuktu, Mali, verfasst worden war. Das Werk, das von Maḥmūd Ka’ti b. al-ḥājj al-Mutawakkil Ka’ti (gest. 1593) verfasst und von einem seiner Neffen, nur unter dem Namen Ibn al-Mukhtār Gombélé (im 17. Jahrhundert) bekannt, beendet wurde, ist allgemein als die Ta’rīkh al-fattāsh („Die Chronik des Suchenden“) bekannt. Als die Chronik 1913-14 von Octave V. Houdas und Maurice Delafosse ediert wurde, fanden diese Fragmente unter den Gelehrten kaum Beachtung. Waren es lediglich Fragmente der Ta’rīkh al-fattāsh oder nicht? Und warum kursierten sie unabhängig von der Chronik?

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Mai 2012

Conductus fragments as a pastedown
New York, Columbia University, Rare Book
and Manuscript Library, Conductus-
Fragmente im Vorsatz der Inkunabel N-66

Detektivarbeit –
Die Suche nach Musikmanuskripten in Einbänden

Was passierte mit mittelalterlichen Manuskripten aus Pergament, die nicht mehr in Gebrauch waren und in der Bibliothek zu viel Platz wegnahmen? Oftmals wurden sie aufgelöst, und das Pergament wurde in Einbänden neuerer Manuskripte oder früher Buchdrucke, sogenannter Inkunabeln, wieder verwendet. Dort schlummern sie unentdeckt, bis sie zufällig von modernen WissenschaftlerInnen oder BibliothekarInnen wiederentdeckt werden. Viele Musikmanuskripte, die eine der berühmtesten Sammlungen der Musikgeschichte, das so genannte Notre-Dame-Repertoire, überliefern, fanden auf diese Weise ihr Ende. Wie dieses Beispiel aus der Rare Book and Manuscript Library in der Columbia University in New York zeigt, werden manchmal sogar weit entfernt von Paris Überreste von solchen Musikmanuskripten gefunden.

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April 2012

Hevajratantraṭīkā -
Der Weg zur vollkommenen Erleuchtung

Hevajratantraṭīkā
Hevajratantraṭīkā Kathmandu, Kaiser-Bibliothek, MS 128 = NGMCP MS C 14/6, fol. 48r

Jeder, der ein wissenschaftliches oder anderes Interesse am indischen tantrischen Buddhismus hat, wird früher oder später auf das Havajratantra, eine der einflussreichsten Schriften dieser Religion, stoßen. Doch ohne einen ausführlichen Kommentar kann das Hevajratantra weder verstanden noch interpretiert werden. Wie bei den meisten Tantras ist für die richtige Interpretation des Textes selbst für erfahrene Wissenschaftler ein Kommentar praktisch unentbehrlich. Auch tantrische Praktiken, die zur Erleuchtung führen, können ohne ein rechtes Verständnis des Havajratantra nicht korrekt ausgeführt werden. Doch für den Verfasser des Kommentars stellt das Erlangen der Erleuchtung eines der wichtigsten Ziele dar. Aber wer hat den Kommentar verfasst, wenn nicht ein gewöhnlicher Gelehrter? Und wie kann er wissen, welche Auslegung korrekt ist und wie man die Rituale richtig vollzieht?

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März 2012

Tosui no maki
Die Schriftrolle Tōsui no maki,
Private Sammlung

Schwimmen wie ein Samurai – Eine 100 Jahre alte Schriftrolle aus Japan


Der 13. August 1912 war ein besonderer Tag für Maki Toshitsugu, den Schüler aus der Tradition des Kobori ryū tōsuijutsu 小堀流踏水術. An diesem Tag unterzeichnete sein Lehrer, Saruki Muneyasu, die Lizenz Tōsui no maki 踏水の巻. Der Schüler erhielt sie als Anerkennung für seine guten Fortschritte im Erlernen der Kunst des suijutsu 水術. Sie stand für die zweite von insgesamt vier Stufen, die er in dieser Tradition erreichen konnte. Bei jeder Stufe erhielt er eine neue Schriftrolle, die jeweils einen anderen Teil des geheimen Wissens enthielt, das in der Kobori ryū seit vielen Generationen weitergegeben worden war.

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Februar 2012

85r
Wien, Österreichische Nationalbibliothek,
Cod. Phil. gr. 64, Blatt 85r

Eine kritische Ausgabe vor der ersten gedruckten Edition


Der hier vorgestellte Wiener Kodex phil. gr. 64 ist ein erstrangiges Zeugnis der Aristoteles-Textüberlieferung in der Renaissancezeit. Auf fast jeder Seite des Manuskripts, das zentrale philosophische und naturwissenschaftliche Schriften wie die Physik, die Metaphysik, Über den Himmel, Über Werden und Vergehen und die Meteorologika zusammenführt, lässt sich die intensive philologische Arbeit erkennen, die in seine Herstellung eingeflossen ist; denn zahlreiche erklärende Notizen, Diagramme und Verweiszeichen in teilweise unterschiedlichen Tintenfarben bedecken die Ränder oder sind zwischen den Zeilen eingefügt.
Eine genaue Analyse der Haupttexte zeigt überdies, dass eine Reihe älterer Kodizes für die Herstellung dieses neuen Manuskripts verglichen und ausgewertet worden ist. Die gelehrten Bearbeiter und Schreiber des Manuskripts haben die Texte also in einer Weise geprüft und verbessert, wie es heutzutage in wissenschaftlichen, historisch-kritischen Editionen angestrebt wird. Daher kann der Wiener Aristoteles-Kodex als eine echte kritische Ausgabe, als eine Manuskript-Edition, wie es sie auch in anderen Manuskriptkulturen gibt, bezeichnet werden.

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Januar 2012

Koranseite
Ein Koranpalimpsest
Dar al-Makhtutat (Haus der Handschriften),
Sanaa/Jemen, 01-27.1

Ein Koran über dem Koran – wozu die Mühe?


Bei dem hier vorgestellten Koranmanuskript handelt es sich um ein Palimpsest, also ein Blatt, von dem die ursprüngliche Schrift vollständig abgewaschen und das dann neu beschrieben wurde. Nach einiger Zeit kam diese untere Schicht wieder zum Vorschein und ist nun blass erkennbar. Das Manuskript ist vermutlich nur wenige Jahrzehnte nach dem Tode des Propheten Muhammad im Jahr 632 entstanden und somit eines der ältesten Textzeugnisse des Korans. Auf den ersten Blick höchst erstaunlich ist es, dass beide Schichten Teile des Korans, also desselben Werkes beinhalten. Es stellt sich die große Frage: Warum löscht jemand einen Text aus, nur um in ganz ähnlicher Schrift denselben Text darüber zu schreiben?

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