projekte

Wissenschaftliche Teilprojekte der zweiten Phase 2015-2019

Das Forschungsprogramm des SFB wird seit der ersten Phase (2011-2015) in Projektbereichen durchgeführt, die langfristig Grundlagenforschung zu Manuskripten und Manuskriptkulturen betreiben:

Seit 2015 gibt es zusätzlich Arbeitsgruppen, die Querschnittsthemen aus dem Bereich "Manuskriptpraktiken" bearbeiten:

Ferner gibt es im SFB neben assoziierten Projekten auch ein Infrastrukturprojekt sowie ein Graduiertenkolleg.

Projektbereiche | Arbeitsgruppen



Arbeitsgruppe L: Lernen, Lehren, Forschen

Im Zentrum dieser Arbeitsgruppe stehen Manuskripte, deren gemeinsames Kennzeichen darin besteht, dass sie eine wesentliche Rolle in den kulturellen Praktiken des Lernens, Lehrens und Forschens spielen und dass durch sie und mit ihrer Hilfe verschiedene Gebiete des Wissens, von grundlegender Ausbildung über praktische Kenntnisse bis hin zu literarischen, philosophischen und religiösen Lehrinhalten, dargestellt, erklärt, bewahrt, weiterentwickelt und verbreitet werden. Ihre gesellschaftliche Bedeutung hat sich in das Erscheinungsbild der Manuskripte in Form von bald mehr, bald weniger deutlichen Spuren der Nutzer eingeschrieben. In vielen Fällen gibt bereits das Layout, das die Hersteller der Handschriften gewählt haben, einen klaren Hinweis auf ihre Funktion für Lehre und Lernen, etwa wenn ein großer Abstand zwischen den Zeilen und ein breiter Rand freigelassen sind, die dann im Laufe der weiteren Arbeit mit den Manuskripten immer wieder zu bereichernder Ergänzung von exegetischen Paratexten, Glossen, Varianten, Diagrammen usw. einladen.
Diese Handschriften gehören zu wertvollen Zeugnissen didaktischer und forschender Tätigkeit und Methodik in den Manuskriptkulturen und sie sind in der Regel die einzigen physisch konkret fassbaren Gegenstände, mit deren Hilfe wir die Aktivitäten von Gemeinschaften des Lehrens und Lernens sowie Formen der Schriftlichkeit im Prozess der Ausbildung in diesen Zivilisationen erforschen und rekonstruieren können.

A04

Tamilische Manuskriptkompendien zur Grammatik

Das tamilische Teilprojekt strebt die Untersuchung einer Gruppe von Manuskripten an, die Auszüge aus Abhandlungen aus dem Felde der Grammatik im weiteren Sinne (Phonetik, Morphologie, Syntax einschließlich Poetik, Metrik und Rhetorik) enthalten. Auf einer solchen Basis wird es leichter möglich sein, die verschiedenen Kontexte der Lehre von Grammatik als grundlegender Disziplin zu begreifen, wie sie bereits im Elementarunterricht beginnt, um Studenten auf die Begegnung mit den formaleren Registern einer höchst diglossischen Sprache, und nicht zuletzt mit dem literarischen Erbe, vorzubereiten.

Prof. Dr. Eva Wilden

Dr. Suganya Anandakichenin

Poster A04
A05

Islamische Manuskripte mit großen Zeilenabständen als Vermittler von Lehrpraktiken in Westafrika

Die westafrikanischen Islam-Handschriften mit ihren großen Abständen zwischen den Zeilen weisen offenbar auf Lehrpraktiken hin, bei denen zusätzlicher Raum für Anmerkungen vorgesehen war. Das Projekt wird mögliche Zusammenhänge zwischen der großzügigen Zeilenanordnung und den in den Manuskripttraditionen der Sprachen Alt-Mande und Alt-Kanembu vorkommenden Textgattungen untersuchen und den Fragen nachgehen, wie die Lehre diese spezielle Anordnung bestimmt hat und welche Erkenntnisse diese Manuskripte über die Lehrpraktiken vermitteln.

Dr. Dmitry Bondarev

Darya Ogorodnikova, M.A.

Poster A05
A11

Das Leipziger Manuskript B.or 227: Paratexte als Zeugen islamischer Ḥadīṯgelehrsamkeit

Die auf den islamischen Propheten und seine Gefährten zurückgeführten Traditionen (Ḥadīṯ) wurden zunächst mündlich überliefert, nach und nach verschriftlicht und ab dem 8. und 9. Jh. n. Chr. in Sammlungen zusammengefasst, auf deren Grundlage sich die Ḥadītwissenschaften und das Kommentarwesen entwickelten. Während eine Reihe von Studien zu Textüberlieferung und Lehrmethoden in der Islamwissenschaft vorliegen, ist das Ḥadīṯ-Kommentarwesen ein bisher wenig beachtetes Forschungsfeld. Anhand eines Manuskripts der berühmten Ḥadīṯ-Sammlung von al-Buḫārī (gest. 256/870), Ǧāmiʿ aṣ-Ṣaḥīḥ, soll in dem Teilprojekt die konkrete Nutzung eines Ḥadīṯ-Manuskripts in der Lehrpraxis und Ḥadīṯgelehrsamkeit untersucht werden. Aufgrund seiner zahlreichen Kommentare und der Nutzereinträge (iǧāzāt, samāʿāt, silsila) eignet sich das Leipziger Manuskript B. or 227 (datiert 800/1398, Ort: wohl Schiraz) besonders als Fallbeispiel für eine derartige Gesamtanalyse von kodikologischem Bestand, Nutzern und Kommentierung.

Dr. Stefanie Brinkmann

Ali Zaherinezhad, M.St.

Poster A11
C01

Der ‘Vanaratna Codex’ (Royal Asiatic Society, London, MS Hodgson 35)

Das Teilprojekt untersucht Herstellung und Geschichte eines einzelnen Manuskripts (Royal Asiatic Society, London, MS Hodgson 35). Es konnte gezeigt werden, dass es sich hierbei um ein Autograph des berühmten buddhistischen Gelehrten Vanaratna handelt, der im 15. Jahrhundert wirkte. Die Handschrift enthält in ihrer zweiten Hälfte hauptsächlich Material, das Vanaratna in esoterischen Unterweisungen in Tibet und auf Tibetisch erhalten und in Sanskrit übertragen hat, sowie einige von ihm selbst verfasste Verse. Dies eröffnet einen einzigartigen Einblick in die Arbeitsweise eines buddhistischen Gelehrten und in die transkulturelle Überlieferung esoterischen Lehrmaterials.

Prof. Dr. Harunaga Isaacson

Dr. Martin Delhey

Poster C01
C04

Vorlesen, Memorieren und Notieren: Manuskripte in alevitischen Dorfgemeinschaften Anatoliens

Das Teilprojekt widmet sich der Manuskriptkultur in alevitischen Dorfgemeinschaften Anatoliens, die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gering alphabetisiert waren. Die Verwendung der Manuskripte beim Lernen und Lehren vornehmlich religiöser Inhalte wird anhand von vierzehn privaten Manuskriptsammlungen untersucht. Es werden die Geschichte, die Zusammenstellung und der Kontext der Sammlungen erforscht, um darauf aufbauend den Gebrauch der Manuskripte in kulturellen Praktiken zu studieren. So wird gefragt, wer welche Manuskripte schrieb bzw. benutzte; wie die unterschiedlichen Sammlungen zur Bewahrung und Vermittlung von Wissen beitrugen; ob Gebrauchsformen der Handschriften wie Vorlesen, Memorieren und Notieren ihren Inhalt oder ihr Erscheinungsbild beeinflussten und falls ja, in welcher Form.

Prof. Dr. Raoul Motika

Janina Karolewski, M.A.

Poster C04
C06

Griechische Aristoteles-Manuskripte in Unterricht und Auslegungspraxis

Zur Erforschung der Rolle, die Manuskripte in der Unterrichtspraxis spielten, eignen sich die Kodizes des für die intellektuelle Ausbildung grundlegenden Aristotelischen Organon besonders. Denn gerade dort treffen wir auf hochkomplexe Stratigraphien von Annotierungen, die einen Dialog zwischen Lehrenden und Lernenden auch über zeitliche und räumliche Distanz dokumentieren. In ausgewählten Manuskripten der Analytica posteriora sollen die Schichten von Kommentaren und Erklärungen minutiös untersucht sowie ihre Funktionen in der sozialen Praxis des Lernens und des wissenschaftlich-exegetischen Dialogs erforscht werden.

Prof. Dr. Christian Brockmann

Dr. Stefano Valente

Poster C06
C08

Ostfränkische Manuskripte mit Sammlungen von Formulae

Das Teilprojekt C 08 wird die in den östlichen Gebieten des fränkischen Reichs während des 9. und 10. Jahrhunderts geschriebenen Manuskripte erforschen, die Sammlungen von Formulae (d. h. Musterbriefe und Musterurkunden) enthalten. Solche Handschriften sind für das Verständnis der Kultur jener Zeit von großer Bedeutung, weil sie einen Einblick in die Art und Weise erlauben, wie die Gelehrten des Frühmittelalters ihr Wissen organisierten und vermitteln wollten. Ziel des Teilprojekts ist es, diese Manuskripte als Zeugen der klösterlichen Kultur zu untersuchen, indem erforscht wird, wie sie entstanden sind, was sie beinhalten und wie sie benutzt wurden.

Prof. Dr. Philippe Depreux

Till Hennings, M.A.

Poster C08
C11

Privatarchive als Quellen der Schriftlichkeit in der altassyrischen Gesellschaft

Tonmanuskripte mit Keilschrift sind dreidimensionale Objekte, auf denen die Zeichen als Negativabdrücke erscheinen. Dank Tausender von Schultafeln aus Nippur, datiert auf das 18. Jahrhundert v. Chr., konnten Assyriologen den recht akademisch wirkenden Lehrplan für den Schreibunterricht rekonstruieren. Schultexte aus den Archiven der assyrischen Kaufleute, die sich im 19. Jahrhundert in Zentralanatolien ansiedelten, zeugen von Ausbildung am Arbeitsplatz. Man hat sogar die These aufgestellt, dass neben den professionellen Schreibern viele assyrische Männer und einige Frauen die Grundlagen des Schreibens zu Hause gelernt hätten.
Eine solche These lässt sich nur durch systematische paläografische Studien und Untersuchungen der Handschriften von Schreibern sowie durch die Analyse des Layout und der Typologie von Tontafeln in bestimmten Privatarchiven bestätigen, die kürzlich ausgegraben wurden.

Prof. Dr. Cécile Michel

Wiebke Beyer, M.A.

Poster C11

Arbeitsgruppe R: Rituale

Manuskripte sind in ihren unterschiedlichen Manifestationen immer Teil von Praktiken. Die Arbeitsgruppe R „Rituale“ konzentriert sich dabei auf diejenigen Handlungen, die Präsenz, Bedeutung, soziale Ordnung oder ästhetische Relevanz konstituieren. Derartigen Handlungen ist gleichermaßen die feste Form wie die Notwendigkeit der Wiederholung eigen; damit kommt ihnen prinzipiell eine strukturierende Funktion zu. Mit anderen Worten zielt die Arbeitsgruppe auf den rituellen, zeremoniellen oder liturgischen Gebrauch von Manuskripten. Eine solche Perspektive schließt sämtliche Erscheinungsweisen eines Manuskripts ein, von der Produktion über seinen Gebrauch bis zu seiner endgültigen Zerstörung.

Dieser Ansatz kann von den produktiven Diskussionen der Ritualforschung aus den letzten Jahrzehnten profitieren, insbesondere von den Ergebnissen des Heidelberger SFB 619 „Ritualdynamik“. Es kann vor diesem Hintergrund nicht Ziel sein, zu dieser Diskussion einen eigenen theoretischen Großentwurf oder gar eine neue Definition beizusteuern. Die Absicht dieser Arbeitsgruppe liegt vielmehr darin, Manuskriptkulturen und Rituale zum ersten Mal systematisch zusammenzuführen.

A01

Literarische Manuskripte im rituellen Kontext: Kettendichtung (renga) des japanischen Mittelalters

Die japanische Kettendichtung (renga) gehört zu den populärsten literarischen Gattungen des japanischen Mittelalters. Das handschriftliche Notieren der Gemeinschaftswerke im Augenblick ihres Entstehens folgte exakten Regeln und war mit der Integration der Schreiberrolle fester Bestandteil dieser Dichtungspraxis. Das Teilprojekt soll diese Praktiken der Manuskripterstellung und ihren rituellen Kontext genauer beleuchten. Zum einen ist hierfür historisch nach der Herausbildung dieser Praxis zu fragen, ihren Bedingungen und Einflüssen, diachron u.a. das Genre der Gedichtwettstreite. Synchron ist die Nähe zur Sphäre der religiösen Manuskriptkultur des Mittelalters klärungsbedürftig.

Prof. Dr. Jörg B. Quenzer

Dr. Heidi Buck-Albulet

Poster A01
A08

Anisong (Ānisaṃsa) – Manuskripte aus Luang Prabang (Laos) in vergleichender Perspektive

Das Projekt untersucht mehrere Korpora von Manuskripten, die Anisong genannte buddhistische Predigttexte enthalten. Diese sind im gesamten laotisch-thailändischen Kultur- und Sprachraum weit verbreitet und sehr populär. Die meist recht kurzen, gewöhnlich auf Palmblatt geschriebenen Anisong stellen die religiösen Verdienste dar, die ein Gläubiger als Resultat besonderer religiöser Verdienste erwarten darf. Seit Jahrhunderten spielen diese Manuskripte bis auf den heutigen Tag eine zentrale Rolle im religiösen Leben der Thai und Lao, vor allem in der Transformation lokaler Bräuche in „buddhistische“ Orthopraxie. Sie spiegeln auch Modernisierungsprozesse in einer lebendigen und innovativen Manuskriptkultur wider.

Prof. Dr. Volker Grabowsky

Silpsupa Jaengsawang, M.A.

Poster A08
A09

Anlagekonzept, Erschließungssysteme und liturgische Lesenutzung frühmittel-alterlicher Evangeliare

Evangeliare gelten als wichtigste Bücher mittelalterlicher Liturgie. Sie enthalten nicht nur die Evangelientexte, die der Priester während der Messe als Wort Gottes verliest, sondern auch ein standardisiertes Corpus von Paratexten. Das Teilprojekt wird untersuchen, welche Beziehungen zwischen dem liturgischen Lesegebrauch und den materiellen Eigenschaften von Evangeliarmanuskripten, insbesondere der Funktion der Paratexte und Indices, bestehen.

Prof. Dr. Bruno Reudenbach

Jochen Hermann Vennebusch, M.A.

Poster A09
B03

Manuskriptkultur und Chant Communities. Liturgische Bücher und Musikhandschriften mit mehrstimmigen Vertonungen des Ordinarium missae in kulturellen Praktiken ca. 1200-1400

Ab dem 13. Jahrhundert sind vermehrt mehrstimmige Sätze der Gesänge des Ordinarium missae sowohl in liturgischen Büchern, die nicht dafür konzipiert sind, mehrstimmige Musik aufzuzeichnen, als auch in Musikmanuskripten, die nicht dafür konzipiert sind, im Ritual der Messe Verwendung zu finden, enthalten. Ziel ist es, diese Manuskripte in der kulturellen Praxis des Messrituals daraufhin zu untersuchen, welche Funktion sie erfüllen und wie das Wissen über die Aufführung mehrstimmiger Musik aufgezeichnet ist und in der jeweiligen Gemeinschaft von Experten (Chant community) aktualisiert wird.

Prof. Dr. Oliver Huck

Dr. Andreas Janke

Poster B03
B09

Die painture der Schrift. Schriftikonizität und Wort-Bilder in lateinischen Psaltermanuskripten im Kontext manuskriptspezifischer Handlungspraktiken

Anhand ausgesuchter lateinischer Psaltermanuskripte aus dem Zeitraum vom 8. bis zum 15. Jahrhundert untersucht das Teilprojekt exemplarisch die Rolle, die ornamentale und figurale Ausgestaltungen von Schrift sowie sogenannte Wort-Bilder in manuskriptspezifischen rituellen Handlungspraktiken spielten. Ihre Analyse im Kontext sich verändernder Herstellungs- und Gebrauchspraktiken bietet einen neuen Zugang zu diesen Phänomenen, die für die europäische Manuskriptkultur der Mittelalters charakteristisch sind und die sich der klassischen Dichotomie Schrift – Bild entziehen.

Jun.-Prof. Dr. Hanna Wimmer

Karin Becker, M.A.

Poster B09
C05

„Pergament-Heilige“ – Wie äthiopische hagiographische Handschriften gefertigt werden: Andacht und ihr Gegenstand in Manuskriptpraktiken des mittelalterlichen und vormodernen Äthiopiens

Äthiopische Handschriften als Teil lokaler Hagiographie haben sich aus spätantiken Vorläufern entwickelt und sind seit dem 14. Jahrhundert bezeugt. Das hier zu betrachtende Korpus von „Pergament-Heiligen“ wurde noch nicht unter dem Aspekt der Praktiken untersucht, in die Personen und Institutionen eingebunden sind. Dieses Teilprojekt konzentriert sich auf die Herstellung von hagiographischen Handschriften als rituellen Gründungsakt, der den Kult der äthiopischen Heiligen kanonisierte, und untersucht dessen Rolle im Kontext und in der rituellen Praxis.

Prof. Dr. Alessandro Bausi

Dr. Antonella Brita

Poster C05
C07

Swahili-Manuskripte in arabischer Schrift in der Praxis: Rituale, Zeremonien, Liturgien und Heilverfahren

Ziel dieses Teilprojekts ist die Analyse der manuskriptologischen Aspekte kultureller Praktiken der Swahili am Beispiel der Qasida Hamziyya, eines im 18. Jahrhundert von einem arabischen Original ins Swahili übersetzten Lobgedichts, das ein Kernstück des swahili-islamischen literarischen Kanons bildet. Ein Konvolut von Hamziyya-Manuskripten in Arabo-Swahili, die in der ersten Phase von C07 durch Feldforschung zugänglich gemacht wurden, soll einer vielseitigen Funktionsanalyse unterzogen werden, um nicht nur die stark divergierenden Eigenschaften der Manuskripte in Gestaltung und Sprachanordnung zu verstehen, sondern auch die Art und Weise, wie ihre Anfertigung für eine Vielzahl von Kontexten und ihre Verwendung in diesen Zusammenhängen – wie zum Beispiel bei Übergangsriten (Geburt, Heirat, Niederkunft, Bestattung), in Heilverfahren oder bei religiösen Zeremonien während des Ramadans und im Rahmen von Maulid-Feiern – ihre Form geprägt haben.

Prof. Dr. Roland Kießling

Ahmed Hussein Ahmed Parkar, M.A.

Poster C07

Arbeitsgruppe W: Wirkmacht

Ausgehend von der Erkenntnis, dass Manuskripte immer auch Bestandteil von sozialen Praktiken und damit performativ eingebunden sind, konzentriert sich die Arbeitsgruppe W „Wirkmacht“ auf das intrinsische Handlungspotential und die – gerade auch im Kontext von magischen Praktiken als unmittelbar angenommene – Wirkmacht von Manuskripten, die im Rahmen von unterschiedlichen historischen Wissenspraktiken, sozialen Konfigurationen und in ihren je verschieden organisierten materiellen Manifestationen untersucht wird. Die Wirkkraft von Manuskripten kann bereits vom Produzenten beabsichtigt und im Produktionsprozess implantiert werden, sie kann aber auch, vor allem im Zuge des historischen Wandels von kulturellen Voreinstellungen, neue und ganz andere Formen annehmen. Die Wirkmacht von Manuskripten ist wie die anderer Dinge stets sozial und kulturell über Zuschreibungen vermittelt.

Hiermit betritt die Arbeitsgruppe Neuland, denn das „Handeln“ von Manuskripten war bislang, falls überhaupt, in der Manuskriptforschung bestenfalls marginal ein Thema. Die Kulturanthropologie hat in ihren theoretischen Diskussionen ein umfangreiches Arsenal an Begriffen und Ansätzen bereitgestellt, welches die Arbeitsgruppe nutzen wird. Sie strebt allerdings nicht an, diese Ansätze um eigene Entwürfe zu bereichern, sondern wird sie erstmals exemplarisch für die Manuskriptforschung fruchtbar machen.

A06

Die Praxis der malaiischen Manuskriptwirtschaft des 19. Jahrhunderts im Wandel

Die Einführung des Steindrucks und die zunehmende Monetarisierung der indigenen Gesellschaft der malaiischen Welt im Laufe des 19. Jahrhunderts hatten tiefgreifende Auswirkungen auf die Manuskriptkultur und die Einstellung der Menschen gegenüber Manuskripten sowie deren Produktion und Verbrauch. Dieses Teilprojekt führt die Lokalisierung und Analyse dieser Veränderungen fort, indem es Paratexte untersucht, die in den Manuskripten aus einer Leihbibliothek des 19. Jahrhunderts gefunden wurden. Die Hypothese lautet, dass Manuskripte sowohl neue interaktive Netzwerke von menschlichen Akteuren schufen als auch die Lesegewohnheiten der Rezipienten beeinflussten und dadurch in einem kolonialen kosmopolitischen Kontext ethnische und religiöse Grenzen überschritten.

Prof. Dr. Jan van der Putten

Siti Nurliyana Binte Taha, M.A.

Poster A06
B05

Der Umgang mit Koranmanuskripten in der islamisch-arabischen Kultur am Beispiel von Klein- und Rollenkoranen

Dass Koranmanuskripten jenseits ihrer Funktion als Textträger für das Rezitieren, Lernen und die Auslegung auch apotropäische, heilende, segnende und anderweitige symbolische Wirkungen zugeschrieben wurden, ist aus einigen Manuskripten selbst evident und auch durch entsprechende Informationen aus vormodernen arabischen Quellen sowie aus neuzeitlichen europäischen Reiseberichten bekannt. Im Teilprojekt sollen diese Gebrauchsweisen am Beispiel der kleinformatigen und auf Rollen geschriebenen Koranmanuskripte untersucht werden, die erkennbar nicht primär für das Lesen oder die Rezitation bestimmt waren. Beide Sonderformen sind schon seit frühabbasidischer Zeit bezeugt. Ihre Funktionen sollen anhand der erhaltenen Objekte aus mehreren Bibliotheken und den Hinweisen im arabischen Schrifttum ermittelt werden. Dabei wird neben der schützenden und segnenden Wirkung solcher Manuskripte auch der weitere Kontext der arabischen Kleinformate („Taschenbücher“) sowie der Rollenmanuskripte mit nichtkoranischem Inhalt zu berücksichtigen sein; grundsätzlich ist von einer potentiellen Gleichzeitigkeit mehrerer Funktionen auszugehen.

Prof. Dr. Tilman Seidensticker

Cornelius Berthold, M.A.

Poster B05
B07

Sammeln, Auslöschen, Neuschreiben und Reinszenieren kultureller Identität und Geschichte – Kulturenzyklopädien über Neuspanien

Das Projekt untersucht drei Kulturenzyklopädien aus Neuspanien, dem heutigen Mexiko, die als Ergebnis missionarischen Sammelns, Aufzeichnens und Archivierens prähispanischer Wissensbestände interpretiert wurden. Berücksichtigt man die gleichzeitig stattfindende Verbrennung prähispanischer Codices, so erscheinen die bebilderten Multiple-Text Manuscripts der Missionare in einem anderen Licht. Die Wirkmacht der Manuskripte im Rahmen der hegemonialen Neukonfiguration und Überschreibung von Wissensbeständen steht daher im Zentrum der Untersuchung.

Prof. Dr. Margit Kern

Dr. Anna Boroffka

Poster B07
B08

Magia Figurata – visuelle Wirkung jüdischer magischer Manuskripte der frühen Neuzeit

Das Teilprojekt Magia Figurata analysiert, beschreibt und kategorisiert die materiellen und visuellen Eigenschaften frühneuzeitlicher Manuskripte von jüdischen magischen Texten. Das Teilprojekt soll so zu einem besseren Verständnis von Materialität und Visualität bei Produktion und Gebrauch dieser Manuskripte beitragen. Gleichzeitig sollen die Einflüsse auf Schaffung und Gestaltung von Wirklichkeit durch die beanspruchte inhärente Deutungsmacht der Manuskripte aufgezeigt werden.

Prof. Dr. Prof. h.c. Giuseppe Veltri

Michael Kohs, M.A.

Poster B08
B10

Erzähltes Theater: Realitäten und Kontexte japanischer Nō-Manuskripte zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit

Das Teilprojekt untersucht japanische Manuskripte aus dem Übergang vom Mittelalter zur frühen Neuzeit (ca. 1550–1650), die Texte und Malereien zu Stücken des japanischen Nō-Theaters enthalten. Das Ziel des Teilprojekts ist es, das kulturelle Wissen, das diese Manuskripte in Text und Bild vermitteln, zu rekonstruieren und damit Aussagen zu ihrer Rezeption zu ermöglichen. Hierfür sind bislang nur isoliert analysierte Merkmale wie Format, Layout, Schrift und Ikonographie genauer zu analysieren. Dadurch können diejenigen kulturellen Praktiken herausgearbeitet werden, die durch die außergewöhnliche Medienkombination (Text/Bild/Theater) der Manuskripte ermöglicht werden.

Prof. Dr. Jörg B. Quenzer

Berenice Möller, M.A.

Poster B10
C10

Für Leser und Sammler: Publishing on Demand durch Kopierverlage in Peking vom späten 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert

Vom späten 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert gab es in Beijing eine Reihe von Verlagen, die auf Tempelmärkten Arien aus Singspielen, Volksballaden und andere kürzere literarische Texte auf Bestellung kopierten und nach Katalog verkauften. Das Teilprojekt geht der Frage nach, wieso sich im Zeitalter von Buchdruck und Lithographie ein auf Manuskripten basierendes Geschäftsmodell über 100 Jahre halten konnte. Hierfür soll untersucht werden, wie die Manuskripte produziert und von wem sie zu welchen Zwecken erworben wurden.

Prof. Dr. Michael Friedrich

Dr. Zhenzhen LU

Poster C10
AP

Das Archiv als Akteur einer europäischen Wissens- und Fachkultur

Gegenstand des Teilprojekts ist das Archiv der Landesstelle für Berlin-Brandenburgische Volkskunde (ALBBV) in Berlin, aus dessen Bestand ein konkreter Ausschnitt an fachbezogenen Manuskripten, Materialien und Artefakten mit Hilfe eines ethnographischen sowie eines historisch-archivalischen Zugangs bearbeitet werden soll. Ziel des Projekts ist es, sowohl den Kontext als auch die konkrete Praxis der volkskundlichen Wissensgenerierung vor und nach 1945 zu rekonstruieren. Dabei wird auch die Rolle des Archivs und der darin verwahrten Manuskripte, Archivalien und Objekte als Wissensakteure untersucht.

Prof. Dr. Sabine Kienitz