Teilprojekt Arabistik/Islamwissenschaft

Arabische Lehrgedichte des 11. bis 17. Jahrhundert n. Chr.: Analyse der Textvarianz und ihrer Kontrolle in den Handschriften

Projektleitung: Prof. Dr. Tilman Seidensticker

Mitarbeiter: PD Dr. Florian Sobieroj


Die Zahl der weltweit erhaltenen Handschriften in den verschiedenen islamischen Literatursprachen (vor allem Arabisch, Persisch und Türkisch) dürfte eine Million leicht überschreiten. Die ältesten erhaltenen Zeugnisse sind auf Papyrus und Pergament geschrieben, das Papier trat seinen Siegeszug ab der Mitte des 9. Jahrhunderts an. Die ältesten erhaltenen Papierhandschriften stammen auch schon aus der Mitte des 9. Jahrhunderts, die jüngsten sind im 20. Jahrhundert abgeschrieben worden. Die schiere Masse der erhaltenen Handschriften zeigt, daß sich die islamische Kultur des Mediums der Schrift intensiv bedient hat, ja ohne diese schon seit früher Zeit gar nicht denkbar ist. Blind hat sie diesem Medium nicht vertraut; der vergleichsweise reduzierte Informationsgehalt der arabischen Schrift hat dazu wesentlich beigetragen. Daß sich beim reinen Kopieren Textverderbnisse einstellen, hat man durch das Ideal der Weitergabe von Text nach Diktat durch einen autorisierten Lehrer einzuschränken versucht. Nichtsdestoweniger hatte die schriftliche Fixierung von Information im islamischen Kulturraum eine überragende Bedeutung.

Die Themen dieser im Vergleich zum lateinischen Mittelalter riesenhaften Produktion von Büchern haben unterschiedliche Entstehungsvoraussetzungen, waren aber zum größeren Teil bereits zu Beginn des 9. Jahrhunderts vorhanden oder im Entstehen begriffen. Der Koran als das heilige Buch des Islams mußte für juristische und theologische Fragen verstanden und interpretiert werden. Überlieferungen über Taten und Worte des Propheten Muḥammad, die für diese beiden Disziplinen neben dem Koran von zentraler Bedeutung waren, mußten geprüft und gedeutet werden. Die vor- und frühislamische Geschichte mußte für die Selbstvergewisserung einzelner Stammesverbände bzw. der ganzen umma nacherzählt werden. Das klassische Arabisch mußte durch Grammatiker und Lexikographen erschlossen, reflektiert und gepflegt werden, weil es nicht nur die Sprache von Koran und Prophetentradition war, sondern sich allgemein als Kultursprache durchsetzte. Durch einen von den Kalifen angeregten Übersetzerbetrieb hat man sich das antike Wissen (vor allem auf philosophischem und naturwissenschaftlichem Gebiet) ebenso angeeignet wie mittelpersische Traditionen auf dem Gebiet der Staatskunst, Spruchweisheit und Erzählkunst. Die schon in vorislamischer Zeit hochentwickelte arabische Dichtung blühte in islamischer Zeit fort und wurde schriftlich aufgezeichnet. Eine umfangreiche Profanliteratur verband unterhaltende Absichten mit Belehrung, Ermahnung und Stellungnahmen zu politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Streitfragen. Auch die im 10. Jahrhundert Gestalt annehmende islamische mystische Frömmigkeit schlug sich in umfangreicher Literatur nieder.

Dem modernen Benutzer fallen beim Umgang mit den handschriftlichen Hinterlassenschaften der islamischen Kultur vergangener Jahrhunderte wohl drei Charakteristika besonders auf: 1. die Tendenz zur Überlieferungsbeglaubigung durch Ketten von Gewährsmännern (isnād) und durch Hörerzertifikate (samā‘); 2. eine oft exzssive Kommentierung in Marginal- und Interlinearglossen sowie in eigenen Kommentar- und Superkommentarwerken; 3. die unterschiedlich stark ausgeprägte, aber oft doch bedeutende Varianz im Umfang und Wortlaut der tradierten Texte. Dieses letztere Phänomen soll im arabistisch-islamwissenschaftlichen Teilprojekt systematisch bearbeitet werden.

Das Thema der Textvarianz hat die Arabistik und Islamwissenschaft seit ihren Anfängen beschäftigt, nicht zuletzt wegen der enormen Divergenzen zwischen verschiedenen Überlieferungssträngen von Nachrichten, bei denen man vom übereinstimmenden Thema und Hauptgewährsmann her solche Abweichungen nicht erwartet hatte. Dieses Phänomen konnte nach fast eineinhalb Jahrhunderten der Diskussion dadurch erklärt werden, daß man zwischen zum Zwecke der Publikation verfaßten Büchern oder Abhandlungen einerseits und gedächtnisstützenden Aufzeichnungen und Kollegmitschriften (von oft reaggregierten Vortragsmaterialien) andererseits unterscheiden muß.

Textvarianz, untersucht an Werken der geschlossenen Überlieferung, soll der Gegenstand dieses arabistisch-islamwissenschaftlichen Teilprojektes sein; die Forschung steht hier erst in den Anfängen. Korrektur- und Kollationstechniken sind in der Literatur sporadisch erwähnt worden. Im kodikologischen Standardwerk Déroches von 2000 werden sie immerhin kurz behandelt, und gängige Fehlertypen werden benannt. Einen wesentlichen Fortschritt stellt Gaceks 2007 erschienener Beitrag "Taxonomy of scribal errors and corrections in Arabic manuscripts" dar, in dem er eingangs feststellt: "Unfortunately, there exists as yet no systematic study of scribal errors and corrections in Arabic manuscripts, while the information on this subjects is scanty and dispersed throughout various works dating from the manuscript age to the contemporary era." Seinen Aufsatz versteht er als "preliminary survey", und ein Ziel des Teilprojektes soll es sein, für eine bestimmte, häufig kopierte Textgattung ohne Festlegung auf Ort und Zeit der Abschriften Gaceks Beobachtungen zu erweitern. Nutznießer sollen auch künftige Editoren sowie Benutzer von kritischen Apparaten und Handschriften sein, die im Normalfall gute Kenntnisse auf inhaltlichem Gebiet mitbringen, sich aber über den möglichen Umfang von Varianz und die Methoden ihrer Kontrolle im Medium Handschrift selbst erst mühsam orientieren müssen. Über dieses praxisorientierte Ziel hinaus soll allgemein für einen bestimmten Ausschnitt aus dem arabischen Schrifttum systematisch untersucht werden, welches Ausmaß an Textstabilität einerseits und an Veränderung der verschiedensten Art andererseits durch das Medium (ggf. unter Einbeziehung mündlicher Überlieferung) ermöglicht wurden.

Geschehen soll dies anhand von Abschriften einer eigenen Gattung, arabischen Lehr- und Mustergedichte von vergleichsweise überschaubarer Länge. Diese Abschriften sollen auf Umfang und Ursachen von Textvarianz sowie die in den Manuskripten erkennbaren Mittel zur Kontrolle von Varianz untersucht werden. Der spezifische Charakter dieser Texte - für breitere Kreise bestimmte Wissenssummen von oft kurzem Umfang in Versform - hat für eine hohe Zahl von Abschriften gesorgt, was dann eine erhöhte "Mutationshäufigkeit" zur Folge hatte. Es wurde ein Korpus von Lehr- und Mustergedichten gebildet, das aus folgenden Texten besteht:

  • Ibn Zuraiq (st. um 1029 n. Chr.): al-Qaṣīda al-andalusīya (Muster für Ausdruck),
  • aš-Šāṭibī (st. 1194): ‘Aqīlat atrāb al-qaṣā’id (Orthographie des Korans),
  • al-Ūšī (st. nach 1173): Bad’ al-amālī (Gottes Einheit),
  • Ibn al-Wardī (st. 1349): Waṣīya li-waladihī (Ermahnung zu gottgefälligem Leben),
  • Ibn al-Ǧazarī (st. 1429): al-Muqaddima ... fī t-taǧwīd (Koranlesung),
  • al-Laqānī (st. 1631): Ǧauharat at-tauḥīd (Glaubensbekenntnis).

Um zu überprüfen, inwieweit die vergleichsweise späte Entstehung dieser Gedichte und der Gelehrtenstatus die Entstehung von Varianz begünstigt oder reduziert, wurde noch ein Gedicht hinzugenommen, das (sicherlich fälschlich) einer hohen und frühen religiösen Autorität zugeschrieben wird:

  • Pseudo-‘Alī Ibn Abī Ṭālib: ad-Da‘wa al-ǧulǧulūtīya (Gebete mit magischen Gottesnamen).

Als Kontrollgruppe wurde aus methodischen Gründen (s. o.) ein Prosatext hinzugenommen:

  • as-Sanūsī (st. 1490): al-‘Aqīda aṣ-ṣuġrā (Glaubensbekenntnis).