Sub-project Japanologie

Mediendifferenz und Medienwechsel im ausgehenden japanischen Mittelalter:
Das Beispiel der "Unmittelbaren Unterweisungen" (jikidan)

Principal investigator: Prof Dr Jörg B. Quenzer

Research associate: Mark Schneider, MA


Zusammenfassung

Im Zentrum der Untersuchung des Teilprojekts Japanologie steht eine Manuskriptgruppe aus dem späten japanischen Mittelalter (15./16. Jh.), die auf unterschiedliche Formen von Varianz hin untersucht werden soll. Diese Texte, Teil des Genres der "Unmittelbaren Unterweisungen" (jikidan 直談), gehören zur buddhistischen Kommentarliteratur im weiteren Sinne. Sie entstanden vielfach aufgrund mündlicher Unterweisungen zu kanonischen Schriften (Sûtras, aber auch zu anderen Standardwerken der jeweiligen Tradition). Für die Kommentierung wurden zudem eine Vielzahl von Texten unterschiedlicher, oft literarischer Provenienz herangezogen, vor allem Beispiele der didaktischen Erzählliteratur (setsuwa) sowie Gedichte (waka).

Für das gemeinsame Forschungsthema ist diese Manuskriptgruppe aus mehreren Gründen von großem Interesse. Zum einen haben sich die Texte zum Teil in mehrfachen Abschriften erhalten, das gilt besonders für das Hokekyô jikidanshû 法華経直談鈔. Weiterhin gibt es für eine Reihe von ihnen spätere Druckversionen bereits aus dem 17. Jahrhundert. Damit sind an der Erstellung, Reproduktion und Tradierung dieser Texte zu verschiedenen Zeiten drei unterschiedliche Medienformen (Stimme, Handschrift und Druck) mit ihrer jeweiligen Interaktion zwischen Medium und Inhalt beteiligt. Im Zusammenhang mit dem Gesamtprojekt wird neben einer Vielzahl manuskriptologischer Fragen vor allem zu klären sein, welches Verhältnis das jeweilige Medium, das durch sie vermittelte Wissen, sowie die genauen Tradierungsformen des Wissens untereinander erkennen lassen.

Manuskript-Kulturen in Japan

Die japanische Kultur hat die Schrift und die mit ihr verbundenen Kulturtechniken in einem längeren Prozeß vom Kontinent übernommen. Viele der bereits in China oder im frühen Korea zu beobachtenden Produktions- und Rezeptionsformen finden sich demnach so oder nur in leicht veränderter Form auch in Japan. Materiell dominierten ab dem Ende des 7. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts Pinsel, Tusche und Papier. Letzteres fand zunächst vor allem als Rolle (maki) Verwendung, ab dem 9./10. Jahrhundert dann zunehmend in gehefteter Form. Für die folgenden Jahrhunderte sind weiterhin verschiedene Versuche der Text-Bild-Kombinationen von Interesse, insbesondere die narrativen Bilderrollen (emakimono).

Ab dem 11. Jahrhundert findet, ebenfalls vom Kontinent übernommen, der Holzblockdruck Verwendung, vornehmlich in Tempelwerkstätten. Mit dieser Neuerung ging jedoch aus mehreren Gründen kein grundsätzlicher Medienwechsel einher: Zum einen basiert der Holzblockdruck medientechnisch gesehen auf einer handschriftlichen Vorlage, die – als Faksimile – fast identisch auf den Druckstock übertragen wird; das Manuskript bleibt also weiterhin das Leitmedium. Zum andern wurden vornehmlich kanonische Texte aus dem Bereich des Buddhismus und des Konfuzianismus sowie ein Teil des chinesischen literarischen Kanons gedruckt. Für alle nicht-kanonischen oder literarischen Texte aus Japan blieb das Manuskript das bevorzugte Medium, gleiches galt für den Bereich der Didaktik.

Am Ende des 16. Jahrhunderts wurden von zwei ganz unterschiedlichen Seiten Experimente mit dem Typendruck angeregt: von der christlichen Mission und durch die koreanische Kultur. Diese Versuche (sog. kokatsujiban) wurden jedoch recht bald wieder aufgegeben, sowohl aus technischen als auch aus ökonomischen Gründen. Ab Mitte der Edo-Zeit (17.–19. Jahrhundert) kam es mit der Entstehung eines städtischen Bürgertums zum großen Buchdruckboom der Neuzeit, auf der Basis des erschwinglicheren und flexibleren Holzblockdrucks. Doch auch während dieser Periode wurde weiterhin und in großem Umfang mit Hand geschrieben, Manuskripte erstellt und kopiert. Erst mit dem Beginn der Modernisierung nach der Landesöffnung in der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem raschen Anschluß an die westliche Technik endet die etwa 1.200jährige Geschichte des Manuskripts als Leitmedium in Japan.

Im Vergleich mit China sind für die Geschichte des Manuskripts in Japan zwei Eigenheiten hervorzuheben, beide zudem für das konkrete Forschungsprojekt von Bedeutung. Zum einen erforderte der sowohl phonetisch wie grammatisch grundsätzlich andersartige Sprachbau des Japanischen eine Anpassung des chinesischen Schriftsystems. Dazu wurden u.a. im Verlauf mehrerer Jahrhunderte zwei Systeme der Silbenschrift (kana) entwickelt; das komplexe Verschriftungssystem und die ihm eigene Mehrdeutigkeit prägt die japanische Schriftkultur bis heute.

Zum zweiten bedarf es der Klärung, warum vergleichsweise lange das auf dem Kontinent schon sehr viel dominantere Medium des Holzblockdrucks nur beschränkt eingesetzt wurde. Als ein Grund neben anderen ist hierfür die Wissenskultur des japanischen Mittelalters zu nennen, innerhalb der die Wissensvermittlung von einer Meister-Schüler-Beziehung abhängig war. Einerseits existierten bestimmte Basistexte, die auch oder primär als Druck vorlagen, der "äußere" Kanon also. Je fortgeschrittener der Adept, je intimer der Zugang zum Wissensschatz und je spezifischer die Gruppe, die sich über dieses Wissen definierte, desto wichtiger wurde auch die Rolle der Manuskripte. Der Selbstdarstellung dieser Wissenskultur gefolgt, stand im Zentrum dann die mündliche Überlieferung (kuden), also jenes Wissen, das idealiter noch nicht einmal schriftlich festgehalten werden durfte – eine Forderung, die dialektisch zu einer recht umfangreichen Produktion von entsprechenden (schriftlichen) Materialien führte.