15 December 2011

Lecture

Giuseppe de Gregorio

Prof Dr Giuseppe de Gregorio
University of Salerno, Italy

Zur handschriftlichen Überlieferung des Dialogus contra Iudaeos des Andronikos Palaiologos


Am Beispiel der Überlieferung des Werkes eines hohen Angehörigen der byzantinischen kaiserlichen Palaiologenfamilie werden im Rahmen des Hamburger Projekts einige Aspekte der spätß und nachbyzantinischen Manuskriptkultur präsentiert. In den Mittelpunkt wird der Dialogus contra Iudaeos aus der Feder des Andronikos Palaiologos (eines Cousins des gleichnamigen zweiten Herrschers der Palaiologendynastie) gestellt. Von den zwei ältesten Textzeugen (Vindob. theol. gr. 118 und Paris. gr. 2750A) ist dem Wiener Codex besondere Bedeutung beizumessen: Es handelt sich hierbei um ein zeitgenössisches Arbeitsexemplar, dessen Schrift sich in jenen konstantinopolitanischen Stil einfügt, der just zur Entstehungszeit des Dialogus (um das Jahr 1310) und unmittelbar danach sowohl für die Handschriftenproduktion im Auftrag von Spitzenbeamten und Staatsmännern als auch für die feierlichsten von der Kaiserkanzlei ausgestellten Urkunden am Kaiserhof seine Verwendung fand. Ein weiterer starker Hinweis darauf, daß der Vindobonensis einmal direkt mit dem Autor des Dialogus, Andronikos Palaiologos, in Verbindung stand, findet sich auf dem letzten Blatt des Codex, wo plötzlich der Name des Literaten in der für diese Zeit typischen feierlichen Ausstattung voll enthüllt wird, nämlich durch den Einsatz - auf der dazu eigens mit einer charakteristischen dekorativen Textfigur vorbereiteten Seite - von vier Monogrammen.
Diese Art von "Identifikationsmarke" ist nicht nur auf Münzen oder Siegeln verwendet worden, auch Architekturteile, Gemälde, Handschriften oder Erzeugnisse der Toreutik geben in der kunstvollen Form des Anbringens von Monogrammen von ihren Stiftern, Förderern, Besitzern und auch Autoren Kunde. In der spätbyzantinischen Gesellschaft handelt es sich bei dem Einsatz derartiger Monogramme um eine Rangbestimmung innerhalb der höfischen Hierarchie, eine Bestimmung, die auf Grund des Legitimationsprinzips und der Kaiserideologie der ersten Herrscher der Palaiologendynastie einen großen Anklang fand. Von den Renaissanceabschriften, die alle auf den Vindobonensis zurückgehen, sind der Berol. Phillipps 1455 und der Monac. gr. 131 besonders hervorzuheben, die von zwei im Umfeld des griechischen Patriarchats tätigen Kopisten der Familie Malaxos im nachbyzantinischen Konstantinopel des XVI. Jahrhunderts angefertigt wurden.
Beide Handschriften spiegeln getreu den Text der direkten Vorlage wieder, in mancher Hinsicht in der Form einer nahezu "bildgetreuen" Wiedergabe: Im Berolinensis des Manuel Malaxos finden wir sogar die nur im Vindobonensis vorhandenen Monogramme des Autors, im Monacensis des Ioannes Malaxos hingegen - wo zwar für die Monogramme Platz gelassen wird - unterließ der Kopist zwar ihre Ausfertigung, bemühte sich aber trotzdem bei der Anlage der Seite mit dem figurenförmig gestalteten Text, die mise en page der Vorlage bis ins kleinste Detail zu imitieren. Von der Hand der Malaxoi besitzen wir nicht wenige Beschreibungen von Kunstwerken, Angaben, in denen auch nachgemalte Monogramminschriften zu finden sind.
Die Auseinandersetzung mit der byzantinischen Vergangenheit und die Beschäftigung mit den Denkmälern, welche die Spuren einer glorreichen Zivilisation trugen, erklären sich sowohl mit einem gewissen ethnischen und religiösen Widerstand der Griechen gegen die türkische Herrschaft über ihre einstige Hauptstadt als auch mit den antiquarischen Interessen begüterter westlicher Reisender an den kaiserlichen Ruinen Konstantinopels. Als Zeichen für dieses Beharren auf der nationalen griechischen Identität im ausgehenden XVI. Jahrhundert zählen eben auch Werke der religiösen Polemik im kulturellen Streit gegen die anderen auf dem Gebiet des ehemaligen byzantinischen Reiches vorhandenen ethnischen Gruppen, in erster Linie gegen die muslimischen Türken, aber auch gegen die aus Spanien und Portugal ausgewiesenen, im osmanischen Reich und vor allem in dessen Hauptstadt Konstantinopel ansässig gewordenen sephardischen Juden. Aber der Dialogus ist auch in die dogmatischen Auseinandersetzungen der Gegenreformation geraten. Aus der Bibliothek des Kardinals Guglielmo Sirleto, einer der führenden Figuren der römischen Kirche in der nachtridentinischen Zeit, erhielt der flämische Humanist Johannes Livineius als Leihgabe jene Handschrift, die er als Grundlage für seine lateinische Übersetzung (der einzige bis heute in gedruckter Form vorhandene Text des Dialogus) nahm. Ein Überblick zum Umlauf des Textes in der römischen Kurie in der Spätrenaissance rundet das Bild der Rezeption einer byzantinischen literarischen Rarität ab.