8 December 2011, 6pm

Lecture

Markus Hilgert

Prof Dr Markus Hilgert
Universität Heidelberg

Materiale Textkulturen: Zum heuristischen Potential von rezenten Theorien zu Materialität, Artefakten und Praktiken in den text-interpretativen historischen Kulturwissenschaften.


In dem soeben von der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingerichteten SFB 933 "Materiale Textkulturen. Materialität und Präsenz des Geschriebenen in non-typographischen Gesellschaften" (Ruprecht-Karls-Universität und Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg) arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus etwa 20 verschiedenen Disziplinen - darunter vor allem Altertumswissenschaftler, Mediävisten und Kunstwissenschaftler – an der Erschließung, Dokumentation und Analyse der materialen Präsenz des Geschriebenen in verschiedenen Praxisfeldern solcher Gesellschaften, in denen keine Verfahren der massenhaften Produktion und Distribution von Geschriebenem verfügbar oder verbreitet sind ("nontypographisch"). Darauf basierend werden diejenigen Rezeptionspraktiken dargestellt, deren Vollzug am Geschriebenen aufgrund dieser seiner materialen Präsenz jeweils plausibel bzw. wahrscheinlich ist. `Materialität` und `Präsenz` des Geschriebenen sind dabei als zentrale heuristische Kategorien einer theoretisch breit fundierten, methodisch diversifizierten und grundsätzlich inter- bzw. multidisziplinär verfassten `Textwissenschaft vergangener Gesellschaften` konzeptualisiert. Diese `Textwissenschaft vergangener Gesellschaften` erkennt die Absenz textimmanenter, fixierter Sinngehalte an und setzt den Akzent ihrer interpretativen Arbeit auf die Beschreibung von plausiblen Szenarien der am Geschriebenen vollzogenen Rezeptionspraktiken in einem konkreten sozialen und historischen Kontext. Auf diese Weise sollen sozialpraktische `Rezeptionsräume` als erforschbare, material präsente `Rahmen` für vergangene Bedeutungszuschreibungen an das Geschriebene abgesteckt und damit ein neues Forschungsparadigma in die text-interpretativen Kulturwissenschaften eingeführt werden. Das Forschungsprogramm des SFB 933 "Materiale Textkulturen" ist aus verschiedenen rezenten kulturtheoretischen Konzeptualisierungen von Materialität, Artefakten und sozialen Praktiken abgeleitet, die erstmals systematisch für die text-interpretative Arbeit in den historischen Kulturwissenschaften fruchtbar gemacht werden sollen. Der Vortrag erläutert die theoretischen Prämissen und methodischen Leitlinien des Forschungsverbundes und illustriert an ausgewählten Beispielen die Relevanz des "material turn" für die Forschungspraxis in den beteiligten Disziplinen.