Altorientalische Nachrichten


Internationale Bündnisse schließen und auflösen
Blog post Nr. 3


Das Vereinigte Königreich hat für den „Brexit“ gestimmt, das heißt für seinen Austritt aus der Europäischen Union, wodurch das Gleichgewicht zwischen den Ländern in Europa gefährdet wird, während andere Nationen seit Jahren vergeblich an die Tür ebendieser Europäischen Union klopfen.

Das Gleichgewicht der großen Weltmächte ist in der Geschichte ein wiederkehrendes Phänomen. Im 14. Jahrhundert vor Christus schlossen Herrscher der wichtigsten Königreiche des vorderen Asiens bilaterale Verträge oder sogar Dreierabkommen, von denen diejenigen ausgeschlossen wurden, die ihnen zu schwach oder lästig erschienen. Dokumentiert sind diese Bündnisse durch die königliche Korrespondenz, die in el-Amarna, vormals Achetaton, der damaligen Hauptstadt von Ägypten, entdeckt wurde. Zu dieser Zeit stellten die akkadische Sprache und Keilschriften auf Tontafeln die internationale Diplomatensprache und -schrift zwischen den ägyptischen Pharaonen, den hethitischen Machthabern (Anatolien) und den Königen von Mittani (Nordostsyrien), Babylonien (Südirak) und Assyrien (Nordirak) dar. Die diplomatischen Beziehungen waren geprägt durch den Austausch von luxuriösen Geschenken, von Frauen für Heiraten zwischen den Dynastien und von Botschaftern zwischen den Höfen dieser Großkönige, die sich selbst in ihren Briefen „Brüder“ nannten. Dieser Austausch bildete die Basis für Bündnisse und das geopolitische Gleichgewicht zwischen den großen Königreichen dieser Region.

Neun der Briefe, die Burna-Buriasch II. (1359–1333 v. Chr.) während seiner langen Regentschaft auf dem babylonischen Thron an die ägyptischen Pharaonen sandte, wurden in el-Amarna ausgegraben. Sie zeugen von den guten Beziehungen, die er mit den ägyptischen Machthabern unterhielt, was durch die zahlreichen Geschenke, die zwischen den beiden Höfen ausgetauscht wurden, bestätigt wird. Er wusste um die Vorteile, die es hatte, wenn man dieser Gemeinschaft von Großkönigen angehörte, als er dem jungen Tutanchamun (1336–1327), dem neuen Pharao von Ägypten, Folgendes schrieb: „Von dem Zeitpunkt an, als meine Vorfahren und Deine Vorfahren eine beiderseitige Freundschafts¬erklärung unterzeichneten, haben sie einander wundervolle Geschenke als Anerkennung geschickt und eine Bitte um etwas Schönes nie ausgeschlagen“. So kamen Edelsteine und Pferde von Babylon nach Ägypten und dafür gingen Gold, Elfenbein und Ebenholz in die entgegengesetzte Richtung.

Dieses Gleichgewicht war jedoch fragil, und auch das Bündnis der Großkönige war nicht vor Krisen gefeit. Die Eroberung der Hattier durch die Hethiter, ein anderes anatolisches Königreich, das mit Ägypten und Babylon verbündet war, markierte zweifellos den Beginn einer solchen Krise. Der hethitische König Suppiluliuma I. (1344–1322) griff später die Mittani an, die im östlichen Teil ihres Landes durch die neue Unabhängigkeit von Assyrien unter Führung von Aššur-Uballiṭ (1363–1328) geschwächt waren. Doch das Bündnis der Großkönige war in den Köpfen der vorderasiatischen Herrscher noch immer stark präsent, und Aššur-Uballiṭ I., der neue König von Assyrien, wollte diesem Bündnis beitreten. Er wurde zunächst von Echnaton, dem Pharao von Ägypten (1353–1336), der ein Geschenk von ihm annahm, das ein Botschafter überbracht hatte, willkommen geheißen. Der Tod eines der Herrscher zwang jedoch die übrigen, ihre Bündnisverträge zu erneuern. Als Tutenchamun den Thron bestieg, versuchte daher der Babylonier Burna-Buriasch II., Ägypten davon abzuhalten, Assyrien wieder in das Bündnis der Großkönige aufzunehmen und dadurch seine politische Rolle zu schwächen: „Was nun die Assyrer, meine Vasallen, angeht: Ich habe sie nicht zu Dir gesandt. Warum sind sie auf eigene Initiative in Dein Land gekommen? Wenn Du mich liebst, sollen sie keinerlei Geschäfte machen. Schicke sie mit leeren Händen zu mir zurück! Ich schicke Dir 1,5 kg echten Lapislazuli und fünf Paar Pferde für fünf Holzwagen als Zeichen meiner Anerkennung“.

Dies hielt Ägypten jedoch nicht davon ab, auf die Avancen der Assyrer einzugehen, und sie erkannten so die neue Macht in einem aufstrebenden Land an. Babylonien, das auf das ägyptische Gold aus war, konnte es sich nicht leisten, stärker zu protestieren. Und so kam es, dass die geschwächten Mittani den Kreis der Großkönige verlassen mussten.

C. Michel



Herrscher über die ganze Welt
Blog post Nr. 2


Nicht nur die Keilschrift erstreckte sich weit über das Gebiet zwischen den zwei Flüssen Euphrat und Tigris. Bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. wurde ein Imperium gegründet, dass das Gebiet vom Mittelmeer bis zum Persischen Golf umfasste.

Den Titel „Herrscher der vier Weltgegenden“ gab sich Naram-Sîn, der vierter König der Akkad-Dynastie in der zweiten Hälfte des 3. Jts. v. Chr. Er bezog diesen Titel auf ein enormes Herrschaftsgebiet, die ganze bekannte Welt, die er zum Teil von seinem Vater geerbt, zum Teil aber auch selbst erobert hatte.


Naram-Sîn-Stele, Louvre.
Foto: M. Eslin > Vergrößern

Den Grundstein für das große Reich legte Naram-Sîns Großvater, Sargon (Sharru-kînu „der legitime König“) um 2334 v. Chr. Über seine Herkunft ist nichts bekannt und nur Legenden berichten von ihm u.a. als dem Ziesohn eines Gärtners und Mundschenk des Königs von Kish. Nicht ins Reich der Geschichten gehört jedoch seine Machtergreifung und die folgenden Eroberungen. Einer seiner wichtigsten Siege war der über Lugalzagesi, Herrscher von Uruk. Anschließend verfolgte und unterwarf Sargon Lugalzagesis sumerische Verbündete, u.a. die ensis („Stadtfürsten“) von Ur, Lagash und Umma. In den königlichen Inschriften berichtet Sargon, wie er seine Waffen im „Unteren Meer“, dem Persischen Golf, wusch und erklärt somit seinen Sieg über das ganze Land Sumer.

Weitere Feldzüge – und Eroberungen (?) - führte Sargon im Osten (Elam, d.h. Iran); im Nordwesten führten sie ihn nach Mari und Ebla (Städte im heutigen Syrien), zum „Zederngebirge“ (Libanon) und dem „Silberberg“ (nicht identifiziert). Laut den schriftlichen Quellen vereinigte Sargon, zumindest zeitweise, das Gebiet vom Euphratknie in Syrien bis zum Persischen Golf unter sich.

Sargons Sohn Rimush versuchte, dass von seinem Vater eroberte Gebiet zusammenzuhalten. In seinen königlichen Inschriften heißt es: „Er hielt das Obere Meer (Mittelmeer) und das Untere Meer (Persischer Golf) und alle Länder für den Gott Enlil“. Von seinem Bruder und Nachfolger Manishtushu ist bekannt, dass sein Herrschaftsgebiet im Nordwesten wenigstens bis nach Assur reichte und im Osten Elam umfasste.

Alle drei Herrscher wurden in ihren Inschriften als „König von Kish“ bezeichnet. Das erste Königtum entstand in der Stadt Kish und solch eine Referenz untermauerte den Legitimationsanspruch dieser Könige.

Wie zu Anfang erwähnt, wählte Naram-Sîn, Enkel von Sargon und vierter König der Akkad-Dynastie, einen anderen Titel für sich: „Herrscher der vier Weltgegenden“. Dies mag darauf zurückzuführen sein, dass sich während seiner Herrschaft zeitgleich viele Teile seines Reiches in einer „Großen Revolte“ gegen ihn erhoben. In einer seiner königlichen Inschriften heißt es: „Als sich die vier Weltgegenden zusammen gegen ihn auflehnten“. - Folglich war er also, nachdem er die Rebellion erfolgreich niedergeschlagen hatte, der Herrscher der vier Weltgegenden.

Das große akkadische Reich sollte nach Naram-Sîn nicht mehr lange währen. Nach dem Tod von Naram-Sîns Sohn Shar-kali-sharri zerbrach das Großreich, dass einmal alle vier Weltgegenden umspannt hatte. Der Titel selbst jedoch lebte fort und wurde auch knapp 2000 Jahre später noch von Kyros dem Großen (ca. 590-530 v. Chr.) verwendet.

W. Beyer



Der zweite Tod des assyrischen Reiches
Blog post Nr. 1


Am 5. August 2014 übernahm der Islamische Staat die Kontrolle in der Provinz Ninive im Norden des Irak und zerstörte Antiquitäten des Mosul Museums sowie originale Monumentalstatuen geflügelter Stiere mit menschlichen Gesichtern, die Wächter des Nergal-Tores an der Grabungsstätte der antiken Stadt Ninive. Solche Türhüterfiguren wurden in den alten Texten lamassu genannt. Dies war der Beginn einer dramatischen und fortschreitenden Zerstörung der antiken assyrischen Hauptstädte.


Lamassu. Zeichnung von A.H. Layard, Monumente von Ninive,
London 1853, Tafel 3. > Vergrößern

Im Frühjahr 2015 meldete das irakische Ministerium für Tourismus und Archäologie die Bombardierung Nimruds durch den IS. Bestätigt wurde diese schreckliche Tat durch ein Video. Die im 13. Jh. v. Chr. neu gegründete Stadt, deren antiker Name Kalhu lautete, wurde auf Beschluss des Königs Aššurnasirpals II. (883-859 v. Chr.) die Hauptstadt des assyrischen Reiches. Nordwestlich der Akropolis ließ er einen prachtvollen Palast bauen: es war das eindrucksvollste Gebilde, das noch immer vor Ort zu erkennen war. Sein Eingang wurde von lamassus geschützt und sämtliche Wände waren mit Reliefs geschmückt. Diese zeigten u.a. den König in rituellen Zeremonien, geflügelte Figuren, Genien, Lebensbäume und militärische Kampagnien des Königs sowie die besiegten, ihren Tribut zollenden Völker. - Alles was geblieben ist, ist eine digitale Wiederherstellung des Palastes, präsentiert vom Metropolitan Museum, New York.

Das irakische Ministerium gab ebenfalls bekannt, dass auch Chorsabad Schaden erlitten haben könnte. In seiner neuen, nach ihm benannten Hauptstadt Dûr-Sharrukîn, baute Sargon II. (721-705 v. Chr.) einen Palast, in dem Reliefs von etwa zwei Kilometern Länge gefunden wurden. Lamassu-Statuen waren auch am Eingang dieses Palastes postiert. Eine von ihnen ist möglicherweise diejenige, die im Mosul Museum zerstört wurde. Dûr-Sharrukîn, geschützt durch eine nahezu quadratische Mauer, wurde 706 v. Chr. eingeweiht, nur wenige Monate vor dem Tod des Königs.

Sanherib (704-681 v. Chr.), der Nachfolger Sargons II., interpretierte dies als ein sehr schlechtes Omen und verlagerte seine Hauptstadt nach Ninive, wo er seinen „Palast ohnegleichen“ baute. Ninive, gelegen auf dem Tell Nebi Yunus, ist sicherlich die bekannteste der assyrischen Hauptstädte aufgrund seiner gigantischen Größe, die in der Bibel genannt ist; es sind in der Tat 775 Hektar! Die Stadtmauer hatte viele Tore, darunter das Nergal-Tor im Norden, dessen lamassus vom IS im Sommer 2014 mit Presslufthämmern zerstört wurden.

Von den vier Hauptstädten des assyrischen Reiches scheint nur Aššur, gebaut am westlichen Ufer des Tigris und ca. hundert Kilometer südlich von Mosul, von Zerstörung und Plünderung verschont geblieben zu sein. In nur wenigen Monaten, zwischen Sommer 2014 und Frühjahr 2015, hat der IS die wichtigsten Zeugnisse der assyrischen Zivilisation beschädigt oder zerstört.

Für die französische Langfassung dieses Beitrags siehe Assur, Kalhu, Dûr-Sharrukîn et Ninive, la fin des capitales assyriennes?.

C. Michel