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Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC)

03/2012 manuskript  des monats


Schwimmen wie ein Samurai – Eine 100 Jahre alte Schriftrolle aus Japan

Tosui no maki
Die Schriftrolle Tōsui no maki

Der 13. August 1912 war ein besonderer Tag für Maki Toshitsugu, den Schüler aus der Tradition des Kobori ryū tōsuijutsu 小堀流踏水術. An diesem Tag unterzeichnete sein Lehrer, Saruki Muneyasu, die Lizenz Tōsui no maki 踏水の巻. Der Schüler erhielt sie als Anerkennung für seine guten Fortschritte im Erlernen der Kunst des suijutsu 水術. Sie stand für die zweite von insgesamt vier Stufen, die er in dieser Tradition erreichen konnte. Bei jeder Stufe erhielt er eine neue Schriftrolle, die jeweils einen anderen Teil des geheimen Wissens enthielt, das in der Kobori ryū seit vielen Generationen weitergegeben worden war.



Tosui no maki
Überschrift und Liste der Techniken (v. r. n. l.)

In der Tradition der Kobori ryū wird seit Mitte des 17. Jahrhunderts eine besondere Gattung der japanischen Kampfkünste unterrichtet: das Kampfschwimmen (jap.: suijutsu). Das Wort ryū 流 am Ende des Namens bedeutet in etwa Schule, Tradition oder Stil. Wasser als natürliches Element und künstliches Hindernis hatte in Japan seit jeher große militärische Bedeutung und so zählt man auch die klassischen Schwimmstile zu den alten Kampfkünsten der Samurai. Neben verschiedenen Schwimmtechniken wird auch das Schwimmen in Rüstung und das Kämpfen im Wasser unterrichtet.

Anders als beim Judo oder Karate, wo verschiedenfarbige Gürtel das Niveau eines Schülern zeigen, gibt es bei den alten Kampfkünsten ein Lizenz-System, bei dem die Schüler im Laufe ihres Trainings verschiedene Stufen erreichen können. Bei Erreichen einer höheren Stufe erhält der Schüler ein neues Schriftstück als Bestätigung. Diese Bestätigungen können die Form von einseitigen Zertifikaten, Büchern oder Schriftrollen haben. Sie werden in der Regel von dem Oberhaupt oder einem Hauptlehrer einer Schule für einen Schüler geschrieben. Es sind Abschriften der Dokumente, die das materielle Erbe und Gedächtnis einer Schule bilden und von Generation zu Generation weitergegeben werden. In Aufbau und Inhalt ist die Tōsui no maki ein geradezu idealtypisches Beispiel.


Tosui no maki
Genealogie der Kobori ryū (v. r. n. l.)

Der Text besteht aus fünf Abschnitten und deckt die drei wesentlichen Bereiche der Tradition ab: die überlieferten Schwimmtechniken, die philosophische Basis und die Geschichte. Die Rolle beginnt mit einer Aufzählung von grundlegenden Schwimmtechniken, die danach einzeln ausführlich erläutert werden. Es folgen zwei Absätze zur richtigen geistigen Einstellung beim Training und dem philosophischen Hintergrund der Schule. Am Ende zeigt eine Genealogie die Namen aller Oberhäupter der Schule von ihrer Gründung, markiert durch die aufgehendende Sonne, bis zum Autor der Rolle. Den letzten Abschnitt bildet der Kolophon mit Datum, dem Namen und Siegel des Autors und dem Namen des Empfängers.

In den klassischen Kampfkünsten spielt die enge Bindung von Lehrer und Schüler eine besondere Rolle. Daher werden in den meisten Traditionen solche wichtigen Dokumente auch heute noch mit der Hand abgeschrieben und sind, wegen der persönlichen Widmung, Unikate. Obwohl im Gegensatz zu früher das Wissen der Schulen heute kein Geheimnis mit militärischer Bedeutung ist, bleibt es dennoch den Schülern vorbehalten. Daher wird hier von einer vollständigen Abbildung oder einer Übersetzung abgesehen.

Gruppenfoto
Saruki Muneyasu, 6. Generation (vorn rechts)
Kobori Heishichi, 7. Generation (hinten links)

Saruki Muneyasu, der Schreiber der Schriftrolle, war das sechste Oberhaupt der Kobori ryū und war sowohl der Hüter der Tradition als auch der damals wichtigste Lehrer. Leider war die gemeinsame Zeit von Lehrer und Schüler nach der Übergabe der Schriftrolle nicht mehr von Dauer. Saruki verstarb am 5. Oktober 1912, keine zwei Monate nach Fertigstellung der Schriftrolle, im Alter von 64 Jahren. Wie in den Jahrhunderten zuvor fiel die Aufgabe, die Tradition zu bewahren und zu vermitteln, an einen Nachfolger, Kobori Heishichi.

Tosui no maki
Kolophon

Was nach 1912 mit der Schriftrolle geschah, ist weitestgehend unbekannt. Vermutlich wurde sie viele Jahre lang sorgfältig gehütet, bis irgendwann ihr Wert in Vergessenheit geriet. 96 Jahre nach ihrer Entstehung tauchte sie jedoch 2008 bei einer Online-Auktion auf. Am Ende einer sehr langen Nacht, gegen 4 Uhr morgens, gelang es dem Autor dieses Artikels, die Rolle zu ersteigern. In letzter Sekunde hatte er sich gegen einen anderen Bieter durchgesetzt. Am nächsten Tag erfuhr er, dass der Konkurrent ein Vertreter der Kobori ryū war, der im Auftrag des Oberhauptes versucht hatte, die Rolle zu erwerben. Er hatte nur zwei Jahre vorher bei der Forschung zur Geschichte der Schule wichtige Informationen geliefert. Aus Respekt vor der Tradition versprach der neue Besitzer, die Schriftrolle nicht zu verkaufen und zu einem geeigneten Zeitpunkt an die Kobori ryū zurückzugeben.

In den letzten Jahren kommt es immer wieder vor, dass Manuskripte aus den traditionellen Kampfkünsten in den Antiquitätenmarkt gelangen. Sie sind bei Sammlern in der ganzen Welt begehrt und erzielen bisweilen fünfstellige Dollarbeträge. Die meisten Traditionen bemühen sich jedoch, diese wichtigen und wertvollen Dokumente zusammenzuhalten oder zurückzukaufen, um sie für die folgenden Generationen zu erhalten.



Quellen
IMAMURA, Yoshio (1966): „Suijutsu 水術“, in: Nihon budō zenshū dai yon kan 日本武道全集第四巻, Tōkyō, S. 225-402
MOL, Serge (2001): Classical Fighting Arts of Japan. A Complete Guide to Koryū Jūjutsu, Tōkyō, New York, London
SEO, Kenichi (1974): Nihon eihō ryūha shi no hanashi. Kobori ryū, Shinden ryū sonohoka 日本泳法流派史の話, Kyōtō
WATATANI, Kyoshi (1978): Bugei ryūha daijiten 武芸流派大事典, Tōkyō
YOKOSE, Tomoyuki (2000): Nihon no kobudō 日本の古武道, Tōkyō

Kurzbeschreibung
Private Sammlung
Papier, 19,5 × 503 cm
Holzkern mit Endkappen, teilweise Schutzbezug aus Stoff
Japan (vermutlich Kumamoto), 1912



Der japanischen Gepflogenheit folgend wird zuerst der Familien-, dann der Vorname genannt.


Text von Karsten Helmholz
© für alle Abbildungen: Karsten Helmholz, Hamburg