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Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC)

02/2014 manuskript  des monats


Kreativität auf der Manuskriptseite:

William Wordsworths Tagebuchheft (DC MS 19)

Unansehnlich und zerfleddert vom Gebrauch, stellt dieses kleine Heft mit schwarzem Umschlag, welches die älteste bekannte Version von William Wordsworths (1770–1850) großem autobiographischem Gedicht The Prelude („Präludium“) enthält, ein Manuskript dar, das die Vorstellungskraft anspricht. Bei dem Notizbuch, einem der wertvollen Schätze des Wordsworth-Museums in Dove Cottage, Grasmere, Nordengland, handelt es sich um einen billigen, alltäglichen, kurzlebigen Gebrauchsgegenstand. Und obwohl auf einem Papieretikett auf der Vorderseite des Heftes als Titel „Diaries“ („Tagebücher“) eingetragen ist, war der ursprüngliche Verwendungszweck rein praktischer Natur. Was also ließ das Heft so bedeutsam erscheinen, dass es wert erschien, es aufzubewahren?


Abb. 1: Umschlag des Tagebuchheftes
(DC MS 19)    > Vergrößerung

Wir kennen die genauen Umstände, unter denen Wordsworth das Heft erwarb. Es wurde, zusammen mit vier anderen, genau gleichen Exemplaren, in einem Schreibwarenladen in Bristol für gerade einmal 1 Schilling gekauft, als der Dichter und seine Schwester Dorothy in den Vorbereitungen für eine ausgedehnte Reise nach Deutschland in den Jahren 1798–99, zusammen mit ihrem Freund S. T. Coleridge, steckten. Coleridge hatte die Reise federführend geplant. Er wollte „Wissenschaftler, Theologen und Moralphilosophen treffen“ und landete schließlich alleine in Göttingen, Deutschlands geistigem Zentrum im achtzehnten Jahrhundert, während Dorothy und William Wordsworth sich für fünf Monate in Goslar, der historischen Stadt im Harz, häuslich niederließen. Sie hatten gehört, dass Goslar preisgünstig sei, aber die einsame, raue Gebirgslandschaft wird sie auch an ihre Heimat Cumberland erinnert haben.

Das Tagebuchheft ist viel mehr als nur ein persönliches Tagebuch: Es enthält das „Protokoll“ ihres Aufenthalts in Deutschland. Es beginnt mit einem von Dorothy geschriebenen Bericht über die ziemlich anstrengende Reise der beiden Geschwister nach Hamburg, wo sie, von England kommend, am 19. September gelandet waren. Praktisch ohne Deutsch-Kenntnisse und nur wenig Geld zur Verfügung habend, war ihr Aufenthalt in der Stadt alles andere als angenehm: Dorothy klagte bitterlich über die unverschämten Vermieter und Krämer, die den Umstand, dass sie Ausländer waren, dazu nutzten, sie zu übervorteilen und für Lebensmittel und Unterkunft überhöhte Preise zu berechnen.


Abb. 2: Notizen über Gespräche mit
Klopstock (DC MS 19, fol. 4r)
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Während ihrer Zeit in Hamburg besuchte Wordsworth nicht weniger als dreimal den großen Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock (zweimal mit Coleridge im Schlepptau). Sie unterhielten sich auf Französisch über die Geschichte der deutschen Dichtung, den Blankvers, Rousseau, Kant, Schiller und Wieland. Aber wie die Notizen, die er eilig in DC MS 19 niederschrieb, zeigen, schien Wordsworth am meisten darauf erpicht zu sein, seine Meinung über die bedeutenden englischen Dichter zu erfahren. Jedoch stellte sich zu Wordsworths Enttäuschung heraus, dass Klopstock nicht viel über englische Poesie wusste, und Wordsworth war nicht wenig darüber bestürzt, dass Klopstock Richard Glover gegenüber John Milton den Vorzug gab.

Nachdem Coleridge seiner eigenen Wege gegangen war, zogen die Wordsworths nach Goslar um, wo sie am 6. Oktober ankamen. Der Winter 1798/99 war besonders kalt, und mit nur wenigen Bekannten in der näheren Umgebung führten sie ein ruhiges, recht abgeschiedenes Leben. Es blieb nicht viel anderes übrig als sich im Haus zu beschäftigen. Bruder und Schwester begannen, Deutsch zu lernen und schrieben im Tagebuchheft sorgsam deutsche Vokabeln nieder. William klagte über den mangelnden Zugang zu Büchern. Unbeabsichtigt ließ ihn dies produktiver sein. Vieles von dem, was er in dieser Zeit dachte und schrieb, fand Eingang in DC MS 19.

Das Notizheft diente also nicht nur allgemeinen Notizen und der Aufzeichnung von Erlebnissen. Insbesondere für William wurde es zu einem Ort der Reflexion. Er begann, einen „Essay über Moralvorstellungen“ zu verfassen, in dem er behauptete, kein System der Moralphilosophie zu kennen, das die „Kraft [hätte], sich mit unseren Zuneigung[?en] zu verschmelzen“ und das von daher in der Lage wäre, unsere Gewohnheiten und Handlungen zu beeinflussen. Wie dem auch sei, als kein großer Verfechter von Denksystemen scheint Wordsworth die Abhandlung nicht zu Ende geführt zu haben. Der Essay bricht mitten im Satz ab, gefolgt von fünf aus dem Notizheft herausgerissenen Blättern. Gleichwohl bildet dieses im Heft enthaltene philosophische Fragment einen Beleg dafür, mit was für intellektuellen Gedanken Wordsworth sich beschäftigte. Man kann vermuten, dass des Dichters Geist sich während dieses einsamen, produktiven Winters dem großen Projekt seines Lebens zuwendete (welches zugleich sein allergrößter Fehlschlag war): ein kolossales philosophisches Gedicht mit dem Titel The Recluse („Der Einsiedler“).

Das Gedicht sollte eine Untersuchung „meiner interessantesten Empfindungen über Mensch, Natur und Gesellschaft” sein, schrieb Wordsworth. Aber um dieses Thema mit Einsicht in Angriff nehmen zu können, musste er die Ursprünge verstehen, die, wie er im Alter von 28 Jahren dachte, in der Entwicklung und im Wachstum seines eigenen Geistes lagen. The Prelude, was zu einem der großartigsten Gedichte der romantischen Periode werden sollte, war einerseits, wie Wordsworth es nannte, ein „Vorzimmer“ zu seinem größeren Werk und andererseits eine Erforschung der Ursprünge des Lebens.

In einer geradezu nachlässigen Handschrift schrieb Wordsworth hinten in sein Heft die Zeilen „Was it for this | That one, the fairest of all rivers, loved | To blend his murmurs with my nurse’s song […]?“ („War es dafür / Dass einer, der schönste aller Flüsse, es liebte / Sein Murmeln zu vermischen mit meines Kindermädchens Lied […]?“). Allein das garantierte praktisch schon, dass das Tagebuchheft der Nachwelt erhalten blieb. Die Ursprünge des Gedichts selbst sind recht einfach: ein Mischmasch poetischer Fragmente, die am Ende des Heftes plötzlich hervorbrechen, geschrieben zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in unterschiedlichen Gemütsverfassungen.

Die Wissenschaftler sind im Allgemeinen der Ansicht, dass Wordsworth das Gedicht rückwärts schrieb, beginnend mit „Was it for this“ auf der letzten Seite des Heftes. Jedoch wird diese Sicht weder durch das Material im Heft gänzlich gestützt, noch ist sie völlig vereinbar mit den Schreibmethoden anderer Dichter. Die Handschrift ist in der Tat höchst unterschiedlich: manchmal ist sie klein, gleichmäßig und leserlich, Zeilen ähnelnd, die ordentlich von anderswoher kopiert wurden, und manchmal ist sie das genaue Gegenteil – holprig, unsauber und nahezu unlesbar. Selbst dort, wo die Handschrift sich zwischen beiden Extremen hält, ist zweifelsohne zu erkennen, wie sie Mühe hat, mit den Gedanken Schritt zu halten. Die materiellen Belege deuten auf eine sehr fragmentarische Arbeitsweise hin.


Abb. 3: Manuskript-Entwurf, der „Anfang“ von The Prelude
(DC MS 19, fols. 86v–87r), Fotomontage: CSMC    > Vergrößerung

Mit anderen Worten, das Manuskript lässt deutlich die erhabenen Vorstellungen von Inspiration erkennen, die von den romantischen Dichtern propagiert wurden. Mehrere Berichte beschreiben Wordsworths Angewohnheit, beim Dichten die Gasse vor seinem Haus auf und ab zu gehen, oder gelegentlich sogar auf und ab zu reiten. Dies ist keine Entstellung der Wirklichkeit. Denn die Beschaffenheit des frühesten Entwurfs des Prelude und viele andere Manuskripte des Dichters zeigen, dass Wordsworth seine Gedichte nicht einfach nur vom Kopf aufs Papier übertrug; er benutzte die Blätter, um zu schreiben, etwas auszuprobieren und auch mal fehlzugehen.

Es gibt einen bewegenden Abschluss der Geschichte des Tagebuchheftes. Nach ihrer Rückkehr nach England im Mai 1799 ließen sich William und Dorothy in Dove Cottage nieder, in Grasmere im Herzen des nordwestenglischen Lake District. 1802 begann Dorothy wieder Tagebuch zu führen, wozu sie die leeren Seiten von DC MS 19 benutzte. Dieses Tagebuch umfasst den Zeitraum vom 14. Februar bis zum 2. Mai. Die Wiederverwendung eines „alten“ Notizheftes deutet mehr auf seine Nützlichkeit als auf Ehrfurcht hin. Von da an war das Manuskript untrennbar mit dem in Dorothys Tagebuch gepriesenen Ort verbunden. Die größte Entfernung, die es jemals zurücklegte, waren weniger als 50 km nach Carlisle, wo William Wordsworth, der Sohn des Dichters, lebte, als er das Notizheft 1851 als Bestandteil der Dokumente der Familie erbte. Graham Gordon Wordsworth, der Enkel, brachte die Papiere wieder zurück nach Ambleside, was gleich an der Straße von Grasmere aus liegt. Er vermachte sie 1935 der Wordsworth-Stiftung, die im Ort ein Museum errichtete, in dem das Notizheft DC MS 19 nach wie vor eines der bedeutendsten Stücke der Sammlung darstellt.


Literatur

COWTON, Jeff und BUSHEL, Sally (Hgg.) (o. D.): From Goslar to Grasmere – William Wordsworth: Electronic Manuscripts. http://collections.wordsworth.org.uk/GtoG/home.asp [angesehen am 23. Mai 2014].

PARRISH, Stephen (Hg.) (1982): The Cornell Wordsworth. The Prelude, 1798-1799. Cornell: Cornell University Press.

OWEN, W. J. B. und SMYSER, J. W. (Hgg.) (1974): The Prose Works of William Wordsworth. Oxford: Clarendon Press.

VAN MIERLO, Wim (2013): „The Archaeology of the Manuscript: Towards Modern Palaeography”. In: Carrie Smith und Lisa Stead (Hgg.): The Boundaries of the Literary Archive: Reclamation and Representation. Farnham, Surrey: Ashgate, 15–29.

WOOF, Pamela (Hg.) (2002): The Grasmere and Alfoxden Journals of Dorothy Wordsworth. Oxford: Oxford University Press.


Beschreibung
Gegenwärtiger Besitzer: The Wordsworth Trust, Grasmere, Großbritannien
Signatur: DC MS 19
Material: Kleines Notizheft, geheftet in schwarzer Pappe; ursprünglich 96 Blätter in Lagen von 16, sieben Blätter wurden herausgerissen, mit verbleibenden Abrisskanten. Das Wasserzeichen besteht aus den Wörtern „PRO PATRIA“, einer großen Krone und einem ovaler Kreis, mit zwei Kriegern. Büttenpapier ordentlicher Qualität mit Strichpunktlinien im Abstand von 2,5 cm.
Maße: ca. 9,5 x 15 cm
Herkunft: Großbritannien, 1798–1802. Nachlass von Gordon Graham Wordsworth, 1935.


Text von Wim Van Mierlo
©: Alle Abbildungen wurden mit freundlicher Genehmigung des Wordsworth Trust, Grasmere, gezeigt.