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Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC)

01/2015 manuskript  des monats


Ein Manuskript als hybrider Talisman:

Die „Kiefernmann“ - Holztafel aus dem Jahr 340 n. Chr.

Ein schnurrbärtiger Mann steht mit strengem Blick und vor der Brust verschränkten Unterarmen da. Etwa auf der Höhe des Bauchs trägt er einen breiten Gürtel mit langen Quasten, der einer Schürze ähnelt, und auf dem zwei Schriftzeichen den Begriff „Kiefernmann“ (songren 松人) bilden. Die Schriftzeichen lenken die Aufmerksamkeit auf das ansonsten schmucklose lange Gewand des Mannes. Doch noch interessanter ist, wo dieser Kiefernmann abgebildet ist: Auf einer rechteckigen Holztafel, die vollständig mit Schriftzeichen in schwarzer Tusche ausgefüllt ist. Wer ist dieser Mann? Warum ist er auf dieser Tafel abgebildet?


Abb. 1: „Kiefernmann“ - Holztafel
(Vorderansicht), Kunstmuseum der
Chinesischen Universität Hong Kong
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Der Umriss des „Kiefernmannes“ bedeckt die oberen zwei Drittel der Vorderseite der Tafel (s. Abb. 1) und wurde zunächst im Relief geschnitzt, wie sich in der Seitenansicht deutlich erkennen lässt (s. Abb. 2). Die Details wurden dann später mit schwarzer Tusche gezeichnet. Mit Ausnahme der Schnitzerei war die gesamte Tafel mit einem rötlichen Pigment bemalt, welches jedoch seit langem verblichen ist. Drei kurze einzeilige Texte in großen Schriftzeichen sowie ein längerer eng geschriebener Absatz in kleineren Schriftzeichen von einer eiligen Hand in scharzer Tusche umrahmen den „Kiefernmann“. Ein deutlich längerer Text in derselben Hand und großen Schriftzeichen bedeckt die gesamte Rückseite (s. Abb. 3) der Tafel. Aus diesen Texten geht hervor, dass die beschriftete Tafel mit dem „Kiefernmann“ im Jahr 340 n.Chr. anlässlich des Todes eines Mannes namens Wang Xi (王屖), auch bekannt als Luozi (洛子), angefertigt wurde. Was aber war der Zweck dieser Tafel?


Abb 2: „Kiefernmann“ - Holztafel
(Seitenansicht rechts),
Kunstmuseum der
Chinesischen Uni-
versität Hong Kong
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Spätestens im 2. Jahrhundert n. Chr. war in China der Glaube weit verbreitet, in der Unterwelt werde ein Register geführt, in dem alle Menschen verzeichnet würden, die Lebenden wie die Toten. Verwaltungsbeamte des Jenseits hielten demnach auf Jahr, Tag und Stunde genau fest, wann sich Geburt und Tod eines Menschen ereignen würden, einschließlich der exakten Sternenkonstellationen. Diese Aufzeichnungen, so nahm man an, würden auch regelmäßig auf ihre Richtigkeit überprüft. Der Tod eines Menschen trat erst ein, wenn die ihm oder ihr zugeschriebene Lebensspanne abgelaufen war. Man ging allerdings auch davon aus, dass bei dieser Art von großangelegter Buchführung Verwaltungsfehler unvermeidlich seien. Der Tod eines Menschen, wie im Falle von Luozi, wurde nicht nur als individuelle Tragödie für seine Hinterbliebenen angesehen. Vielmehr ging man davon aus, der Tod könne eine ganze Kettenreaktion von Unglücksfällen auslösen, wenn keine besonderen Maßnahmen getroffen wurden, um sowohl die Toten im Jenseits als auch die Lebenden im Diesseits zu schützen. Besonders wichtig war es in diesem Zusammenhang, vermittelt durch einen Ritualspezialisten, eine höhere himmlische Macht darum zu bitten, die Richtigkeit der Unterlagen zu überprüfen, die von der ihr untergebenen Bürokratie im Jenseits geführt werden. Anschließend wurde ein Schriftstück –eine himmlische Verfügung, die in Stil und Form an offizielle Dokumente angelehnt war – mit den Verstorbenen begraben, um diese ins Jenseits zu begleiten. Solche Schriftstücke machten unmissverständlich die ewige Scheidung der Lebenden von den Toten deutlich. Darüber hinaus enthielten sie Segenssprüche, die sowohl die Lebenden wie die Toten vor künftigem Unglück beschützen sollten. Über diesen schriftlichen Appell hinaus erhielten die Toten außerdem Lebensmittel und andere Grabbeigaben, die ihnen das Leben im Jenseits angenehmer machen sollten. Dazu gehörten auch gelegentlich Statuetten aus Blei in Menschengestalt. Zwei solcher „stellvertretender Bleimänner“ (zidai qianren, 自代鉛人) wurden in einem Keramikgefäß in einem Grab aus dem Jahre 147 n. Chr. gefunden. Auf der beigelegten Verordnung wurden diese Figuren als „geschickt und schnell“ beschrieben. Außerdem könnten sie „Reis dreschen, einen Streitwagen lenken und mit Pinseln schreiben“. Zwei weitere „Bleimänner“, die in einem anderen Grab aus dem 2. Jahrhundert gefunden wurden, sollten der beigefügten Verordnung zufolge „den Verstorbenen von Schuld erlösen und die Vergehen und Fehler der Lebenden ungeschehen machen“ (s. Abb .4).


Abb. 3: „Kiefernmann“ - Holztafel
(Rückseite), Kunstmuseum der
Chinesischen Universität Hong Kong
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Die beiden längeren Texte auf der Holztafel mit dem „Kiefernmann“ ähneln stark den oben erwähnten himmlischen Verfügungen aus den Grabbeigaben. Beide sind aus der Perspektive eines Boten des Himmlischen Herrschers (tiandi shizhe, 天帝使者) verfasst, also im Auftrag der höchsten himmlischen Instanz. Sie wenden sich an die Verwaltung der Unterwelt anlässlich des Todes von Luozi. Am Anfang beider Texte steht das Datum, an dem die Anordnung erlassen wurde: der zweite Tag des elften Monats 340 n. Chr. Beide Texte schließen mit einer Formel, die der amtlichen schriftlichen Kommunikation entlehnt ist: „In Übereinstimmung mit den Gesetzen und Verordnungen“ (ru luling, 如律令). Die Texte unterscheiden sich allerdings in ihren inhaltlichen Schwerpunkten: In dem längeren Text auf der Vorderseite unterhalb des „Kiefernmannes“ geht es vor allem um die Sicherheit des verstorbenen Luozi im Jenseits, während es in dem Text auf der Rückseite vor allem um das Wohlergehen seiner Hinterbliebenen geht. In beiden Texten sind der „Kiefernmann“ und ein nicht überlieferter „Zypressenmann“ (bairen, 柏人) für den Schutz sowohl des Toten wie auch der Hinterbliebenen in der schwierigen Situation nach dem Tod Luozis zuständig. Kiefern- und Zypressenholz wurden Unheil abwehrende Kräfte zugesprochen, und so sollten der „Kiefern-“ und der „Zypressenmann“ potentielle Gefahren abwehren und sowohl die Schuld wie auch die Strafen auf sich nehmen, die die Toten und Lebendigen auf sich geladen hatten. Das Schicksal des „Kiefernmannes“ erscheint verglichen mit der Existenz Luozis im Jenseits und dem Leben seiner Familie wenig beneidenswert, ist jedoch unvermeidbar. Einer der beiden einzeiligen Texte lautet: „Zwischen Himmel und Erde [also unter allen Umständen], wenn bei einer Überprüfung des Unterwelt-Verzeichnisses eine Überschneidung [also ein weiterer, nicht vorgesehener Todesfall] gefunden wird, müssen Kiefernmann und Zypressenmann ihn ertragen.“ Die lange Verfügung auf der Rückseite endet sogar mit noch mehr Nachdruck: „Wenn der Kiefernmann sich vor solchen Missgeschicken zurückzieht und ihnen nicht schnell genug begegnet, so ist er in Übereinstimmung mit den Gesetzen und Verodnungen mit 300 Peitschenhieben zu bestrafen.“


Abb. 4: Keramikgefäße aus Zhangwan (Höhe: 15–27 cm) mit eingravierten
Verfügungen und Bleistatuetten (Höhe: 5 cm). Aus: Henan sheng bowuguan (1975),
Abb. 56 und 31. > Vergrößerung

Es ist eindeutig, dass dem „Kiefernmann“ mehr oder weniger dieselbe Funktion als Talisman zukam wie den „Bleimänner“ aus den Grabbeigaben. Im Unterschied zu den Bleifiguren handelt es sich bei ihm aber nicht um eine dreidimensionale figürliche Darstellung, sondern um eine Schnitz- und Zeichenarbeit auf einer Holztafel. Bevor sich Papier in China im f5. Jahrhundert n. Chr. weitestgehend durchsetzte, waren Holz und Bambus die meistverwendeten Beschreibstoffe. Beim „Kiefernmann“ handelt es sich um einen hybriden Talisman, in dem schriftliche Anordnungen und eine bildliche Darstellung mit Unheil abwehrenden Kräften in einem Objekt, also auf einer Holztafel vereint sind, die dem Schutz der Lebenden und der Toten dienen soll. Er ist das bisher älteste Exemplar eines solchen hybriden Talismans. Da dieses Objekt auf dem Antiquitätenmarkt erworben wurde und die Herkunft entsprechend unklar ist, können weder der rituelle Kontext der Tafel noch die Umstände ihrer Ausgrabung genau bestimmt werden. Dank seines ausführlichen schriftlichen Inhalts und jüngeren weitreichenden Erkenntnissen über Totenglauben und Begräbnispraktiken im antiken China kann diese Tafel nun in eine ganze Reihe von Objekten mit Talisman-Funktion aus derselben Zeit eingeordnet werden. Dieser Kontext lässt auch neue Rückschlüsse auf die Herstellung und Funktionen solcher Talismane zu.




Literatur

CHEN Songchang 陳松長 (2001): „Jindai ‘Songren’ jiechu mudu“ 晉代《松人》解除木牘. In: Xianggang zhongwen daxue wenwu guan cang jiandu 香港中文大學文物館藏簡牘. Hong Kong: Xianggang zhongwen daxue wenwu guan, 109-113.

SHAANXI WENWU GUANLI WEIYUANHUI 陝西文物管理委員會 (1958): „Chang'an xian Sanli cun Donghan muzang fajue jianbao“ 長安縣三里村東漢墓葬發掘簡報. In: Wenwu cankao ziliao 文物參考資料 7, 62-65.

HENAN SHENG BOWUGUAN 河南省博物館 (1975): „Lingbao Zhangwan Hanmu“ 靈寶張灣漢墓. In: Wenwu 文物 11, S. 75-93.


Beschreibung

Kunstmuseum der Chinesischen Universität Hong Kong, China
Material: Holz (Sorte unbekannt), rote Pigmente, schwarze Tusche
Maße: 35,8 cm x 9,4 cm x 0,8-1,2 cm
Herkunft: unbekannt
Hergestellt: ca. 340 v.Chr.


Text von Guo Jue