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Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC)

10/2015 manuskript  des monats


Ein Manuskript in Form einer Schafsleber?

Dieses wie eine Schafsleber geformte Objekt aus Ton enthält beidseitig keilschriftlichen Text. Es wurde im Palast von Mari in Syrien entdeckt, war Teil einer Sammlung ähnlicher Objekte und wird auf den Beginn des 2. Jahrtausends vor Christus datiert. Wozu könnte ein solcher Gegenstand gedient haben?


Abb. 1: Fotografie des Lebermodells AO 19829,
Recto. > Vergrößerung

Dieses Objekt gehört zu einer Sammlung von 32 Schafslebermodellen, die der französische Archäologe André Parrot (1901–1980) im Jahr 1935 zusammen mit der internationalen Korrespondenz des Königs in dessen Räumlichkeiten im Königspalast von Mari (Syrien, Mittlerer Euphrat) entdeckte. Es stammt vom Anfang des 2. Jahrtausends vor Christus und wird heute im Musée du Louvre in Paris verwahrt (Abb. 1).

Im Vergleich zu echten Lebern ist dieses handtellergroße Modell klein. Es besteht aus Ton und zeigt den rechten und linken Leberlappen. Geformte Tonstücke repräsentieren die wichtigsten Teile: die lange Gallenblase und den prismatischen lobus caudatus („Finger“) mit abgestumpfter Spitze (Abb. 2). Die Linien, die die porta hepatis („Leberfluss“) darstellen, und die Furchen auf dem lobus sinister, die den impressio reticularis („Anwesenheit“) und den impressio abomasalis („Pfad“) abbilden, wurden mit einem Griffel erzeugt und sind so ebenfalls leicht zu erkennen. Anomalien sind durch eingeritzte Linien oder Löcher markiert; solche Markierungen auf der Leber wurden als Omen gedeutet und von Wahrsagern „gelesen“. Zusätzlich wurden beide Seiten des Modells mit Text beschrieben.


Abb. 2: Darstellung der Merkmale auf dem in Abb. 1 gezeigten
Lebermodell (Zeichnung nach Meyer 1987, S. 197). > Vergrößerung

Die Divination ist durch eine gewaltige Anzahl unterschiedlicher Quellen vom Beginn des 2. Jahrtausends bis zum 2. Jahrhundert vor Christus belegt. Die bedeutendste Form der Divination bezog ihre Omen aus der Präsentation der Eingeweide eines rituell geopferten Tieres, meist eines Lammes. Der Wahrsager untersuchte die Eigenschaften der inneren Organe, wie Leber, Lunge, Gedärme, Milz usw., von denen die Leber das wichtigste war, da sie als Hauptorgan für das Denken und Fühlen galt. Überdies weist ihre Gestalt eine Reihe von Besonderheiten auf. Der Wahrsager betrachtete die Leber daher als „Tafel der Götter“ und als Hauptmedium der möglichen Offenbarung eines göttlichen Willens. In Mari wurden innerhalb eines bestimmten Monats 300 bis 700 Lämmer zu Divinationszwecken geschlachtet!


Abb. 3: Fotografie des Lebermodells AO 19829,
Verso. > Vergrößerung

Tönerne Modelle der Leber enthalten sowohl grafische Darstellungen als auch Text. Auf den Modellen aus Mari sind Anomalien in der Regel grafisch dargestellt, während die Weissagungen, die sie enthalten, dicht neben die Fehlbildungen geschrieben wurden. Auf der Rückseite des Lebermodells in Abb. 1 erkennen wir die Gallenblase, den „Finger“ und den „Leberfluss“, die alle normal aussehen. Auch der „Pfad“ ist als dünne, horizontale Linie dargestellt. Jegliche Missbildungen befinden sich auf dem linken Lappen, der als negativer Bereich galt. Die drei kurzen senkrechten Linien an der incisura ligamenti teretis („Palace Gate“/„Palasttor“) wurden ebenfalls als ungünstig angesehen. Der Text daneben lautet: „Wenn die Stimmung des Landes sich zum Bösen wendet[, wird es so sein].“

Auch die drei durch das Objekt hindurchgestochenen Löcher deuten auf ein negatives Zeichen hin. Auf der Vorderseite neben den Löchern steht der folgende Text (Abb. 3): „Omen der Belagerung, jener von [der Stadt] Kisch. Breschen wurden vor der Armee [durch die Verteidigungslinien] in Kisch geschlagen, und die Armee von Ischme-Dagan wurde gefangen genommen.“ Der Text basiert mit Gewissheit auf einer älteren Ausfertigung, da Ischme-Dagan das Land bekanntlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor Christus regierte. Folglich ist dieser Text mit einem vorzeitlichen historischen Ereignis verknüpft. Die Verbindung zwischen den Zeichen auf der Leber und dem Ereignis wurde vermerkt und als Omen erkannt. Diese Form der Divination war somit, auf der Grundlage nachträglicher Beobachtung, zuerst empirischer Natur und wurde später konzeptualisiert.


Abb. 4: Zwölf tönerne Lebermodelle aus
Mari in einem Schaukasten im Louvre-
Museum. > Vergrößerung

Da zahlreiche Divinationstexte, die auf Eingeweideschauen zurückgehen, gleichen Inhalts sind, darf man sich fragen, warum solche Lebermodelle überhaupt existierten. Die Leber ist ein versteckter Teil des Tieres, der sich, einmal aus dem geopferten Lamm herausgeschnitten, aus offensichtlichen Gründen nicht lange aufbewahren ließ. Ein Modell der Leber aus Ton anzufertigen, könnte sehr hilfreich gewesen sein, um sich ihre allgemeine Form und ihre Bestandteile einzuprägen, um die diversen Verformungen zu betrachten, die an der Leber auftraten, um einmal gemachte Weissagungen, die spezifischen Anomalien entsprachen, direkt abzulesen, ohne eine komplexe Fachterminologie beherrschen zu müssen, oder um ein Abbild einer Leber nach ihrer Begutachtung zurückzubehalten. Tatsächlich konnten Lebern über einen bestimmten Zeitraum hinweg mehrmals kopiert werden, um die Verknüpfung zwischen dem Omen und einem speziellen historischen Ereignis zu bewahren.

Während die Modelleigenschaft offenkundig ist, gerät man bei der Behauptung, dieser Gegenstand sei ein Manuskript, aufgrund seiner ungewöhnlichen Form vielleicht ins Zögern. Allerdings gibt es mehrere mögliche Gründe, das Objekt als Manuskript zu definieren. Wie oben erwähnt, besteht der Textträger aus Ton, dem geläufigsten Material, das für Keilschriften verwendet wurde: Tontafeln mit Keilschrift sind tragbar, in sich abgeschlossen und lassen sich löschen. Daneben wurden die Lebermodelle (Abb. 4) eingesetzt, um Präzedenzfälle zu archivieren, und im Haus des Wahrsagers oder in Tempel- und Palastbibliotheken aufbewahrt, da Wahrsager häufig vom Staat beschäftigt wurden, um den König zu instruieren und in all seinen Entscheidungen zu unterstützen. Für die Herstellung dieser Manuskripte mag es noch allerlei weitere Gründe gegeben haben, etwa das Erfordernis, das Aussehen einer inspizierten Leber zu dokumentieren, schulische Zwecke und die Überlieferung von Wissen.



Literatur

GLASSNER, Jean-Jacques (2009): „Écrire des livres à l’époque paléo-babylonienne: le traité d’extispicine“. In: Zeitschrift für Assyriologie, 99, 1-81.

JEYES, Ulla (1989): Old Babylonian Extispicy. Omen Texts in the British Museum (Publications de l’Institut historique-archéologique néerlandais de Stambul, 64). Leiden.

KOCH-WESTENHOLZ, Ulla (2000): Babylonian Liver Omens. The Chapters Manzāzu, Padānu and Pān tākalti of the Babylonian Extispicy Series mainly from Aššurbanipal’s Library (Carsten Niebuhr Institute Publications, 25). Copenhagen.

MAUL, Stefan M. (2013): Die Wahrsagekunst im Alten Orient. Zeichen des Himmels und der Erde (Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung). München.

MEYER, JanWalke (1987): Untersuchungen zu Tonlebermodellen aus dem Alten Orient (Alter Orient und Altes Testament, 39). Neukirchen-Vluyn.

RUTTEN, Marguerite (1938): „Trente-deux modèles de foies en argile inscrits provenant de Tell-Hariri (Mari)“. In: Revue d’Assyriologie, 35, 36-70.


Beschreibung
Paris, Musée du Louvre.
Signatur: Grabungsnummer: M. 1160; Musée du Louvre: AO 19829 (Paris); Publikationsnummer: Rutten 1938, Nr. 11.
Material: Manuskript aus ungebranntem Ton in Form eines Schafslebermodells; zwei keilschriftliche Inschriften.
Maße: 6,9 × 7,5 cm.
Herkunft: Raum 108 im Königspalast von Mari (Mittlerer Euphrat, Syrien), vermutlich 19. Jahrhundert vor Christus.



Text von Cécile Michel
© für Abb. 1&3: RMN (Musée du Louvre) / Franck Raux
Abb. 2: Cécile Michel
Abb. 4: RMN (Musée du Louvre) / Martine Esline
Übersetzung: Amper Translation Service
Zitationshinweis:
Cécile Michel, „Ein Manuskript in Form einer Schafsleber?“
In: Andreas Janke (Hg.): Manuskript des Monats 2015.10, SFB 950: Hamburg,
http://www.manuscript-cultures.uni-hamburg.de/mom/2015_10_mom.html