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Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC)

11/2015 manuskript  des monats


Farbenfrohe Loyalität:

Ein gesticktes Manuskript als Kunstobjekt und als Geschenk an den König von Bangkok

An der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert wurde in Nord-Thailand von einer lokalen Fürstin ein außergewöhnliches Manuskript angefertigt, das sie König Chulalongkorn (reg. 1868–1910) als Geschenk präsentieren wollte. Das Leporello-Manuskript wurde nicht mit konventionellem Schreibmaterial wie Tinte auf Maulbeerpapier geschrieben, sondern die Schriftzeichen wurden in verschiedenfarbiger Seide auf schwarzem Stoff gestickt. Fürstin Bualai, die diese einmalige Arbeit schuf und verschenkte, war berühmt für ihre Stickkünste, da sie dem König von Bangkok häufig bestickte Gegenstände wie Vorhänge, Kissen und dreieckige Rückenlehnen schenkte, der diese in einer besonderen Kammer des Königspalastes sammelte, welche zu Ehren der Fürstin Bualai-Gemach genannt wurde. Aufgrund seiner künstlerischen Qualität im Vergleich mit anderen Arbeiten thailändischer Kalligraphie handelt es sich bei diesem gestickten Manuskript um einen einmaligen Fall innerhalb der thailändischen Manuskriptkultur. Was waren die Beweggründe der Fürstin, ein so kostbares Geschenk in Form eines Manuskripts zu machen?

Derzeit wird das Manuskript, welches aus 24 gefalteten Seiten und einem Kolophon besteht, in der Nationalbibliothek von Thailand aufbewahrt, wo es als MS Nr. 134 registriert ist (siehe die Auszüge in den Abbildungen 1 und 2). Vorder- und Rückendeckel sind beide aus mit schwarzem Stoff umwickeltem Holz gemacht. Der Stoff der Deckel ist mit aus gold- und silberfarbenen Seidenfäden gestickten Blumen verziert (Abb. 4). Die Schrift ist in Seide auf einen langen, geschwärzten Stoff gestickt, der fest mit einer langen Bahn dicken Papiers verbunden wurde. Die in schwarzen Stoff eingehüllten Papierbahnen sind in der Art eines Leporello-Manuskripts übereinandergestapelt. Die Farbe der gestickten Schriftzeichen wechselt nach jedem Satz oder jeder Viererstrophe (Abb. 1-2). Die in dem Manuskript verwendete Schrift wird von Thaiisten als dem Typ „akkurat“ zugehörig bezeichnet – der Khòm-Schrift, einer Variante des Alt-Khmer, die in der Manuskriptkultur Zentral- und Süd-Thailands in der Regel für religiöse Texte benutzt wird, nicht aber im alten Lan Na, der nördlichen Region des heutigen Thailands, wo die Tradition der Dhamma-Schrift am eindrucksvollsten blühte.


Abb. 1: Abbildung 1: MS Nr. 134, Seite 6 > Vergrößerung

Abb. 2: MS Nr. 134, Seiten 16–17 > Vergrößerung

Der Text trägt den Titel Yatticatutthakammavācā Uppasombot, was vom Pali (der heiligen Sprache des Theravada-Buddhismus in Sri Lanka und dem südostasiatischen Festland) abgeleitet ist und „Ersuchen um Ordinierung“ bedeutet.

Kammavācā ist ein Gattungsbegriff für verschiedene Arten von Texten, die in Klosterritualen und bei religiösen Zeremonien verwendet werden. Der Text dieses Manuskripts gehört zu einer Art von kammavācā, wie sie bei der Ordinierung von Mönchen verwendet werden. Der Haupttext besteht aus einer Sammlung von Pali-Versen, die aus dem Vinaya Pitaka (Ordensregeln) stammen, aber diesen sind in volkssprachlichem Thai geschriebene Anweisungen und Erläuterungen für Zeremonien beigefügt. Allerdings scheint dieses Manuskript niemals in irgendeiner klösterlichen Zeremonie Verwendung gefunden zu haben.

Der Kolophon (Abb. 3) wurde auf einem zusätzlichen Etikett auf Thailändisch in (zentral-)thailändischer Schrift niedergeschrieben:

„Möge es Eurer Majestät gefallen: Ich, Fürstin Bualai, Gemahlin des Statthalters von Phrae, stickte [dieses Manuskript] vollkommen mit Seide und sende es hinab [in den Süden], um es Eurer Majestät zu schenken. Möge Eure Majestät Ihr Urteil darüber fällen.“


Abb. 3: MS Nr. 134, Vers mit dem Kolophon auf Vorderdeckel > Vergrößerung

Obwohl das genaue Datum der Herstellung des Manuskripts unbekannt ist, bezeichnet Fürstin Bualai sich selbst im Kolophon als Gemahlin des lokalen Fürsten von Phrae, sodass es höchstwahrscheinlich in dem Zeitraum angefertigt wurde, in dem ihr Gatte, Fürst Phiriyathepphawong, diese Position innehatte (1889–1902).

Die dekorative Schrift des Werks, das man als eine Art illustriertes Manuskript betrachten könnte, ist ein kalligraphisches Meisterwerk. Den künstlerischen Mittelpunkt des Schriftstücks bildet hier jedoch nicht die ausschmückende Form der Handschrift, denn die Schrift des Manuskripts hält sich streng an die „akkurate“ Standardform der Khòm-Schrift. Das kalligraphische Hauptaugenmerk liegt vielmehr auf der hohen Qualität der Seidenstickerei und der Vielfältigkeit der benutzten Farben. Dieses Manuskript kombiniert also eine künstlerische Form des Schreibens mit der Kunst der Stickerei. In starkem Kontrast zur offensichtlich religiösen Funktion des Textes scheint das Manuskript in König Chulalongkorns Sammlung im Bualai-Gemach aufbewahrt worden zu sein, wo der König sich häufig an seiner Schönheit erfreuen konnte. Dies deutet auf eine Veränderung der primären Funktion des Manuskripts von einem für religiöse Zeremonien bestimmten Werk hin zu einem Kunstobjekt.


Abb. 4: MS Nr. 134, Rückendeckel > Vergrößerung

Darüber hinaus kann man angesichts der Tatsache, dass die siamesische Regierung von Bangkok im späten neunzehnten Jahrhundert die lokalen Fürstentümer Nord-Thailands unter ihre Kontrolle gebracht hatte, die Präsentation dieses Kunstobjektes als ein Geschenk an den König von Bangkok explizit als einen Ausdruck der Loyalität der lokalen Fürsten und ihrer Akzeptanz der siamesischen Oberhoheit interpretieren. Das Manuskript enthält also auch eine politische Botschaft, insbesondere angesichts der Verwendung der Khòm- und Thai-Schriften anstelle der nordthailändischen Dhamma-Schrift, eren Benutzung angesichts der allgegenwärtigen Konflikte in der Region zur damaligen Zeit eine genau gegenteilige Botschaft vermittelt hätte.

Da es sich bei dem Manuskript der Fürstin Bualai um eines von nur sehr wenigen thailändischen Manuskripten handelt, die mit der ungewöhnlichen Absicht angefertigt wurden, als Kunstobjekt zu dienen, und da es die Fertigkeiten des Schreibens und der Stickereikunst miteinander kombiniert, handelt es sich bei dem Manuskript um ein einzigartiges Beispiel der Manuskriptproduktion an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert. Die Bedeutung dieses Manuskripts liegt in seinen kodikologischen und kulturellen Aspekten, und nicht, wie man vielleicht auf den ersten Blick annehmen könnte, im Inhalt der in ihm enthaltenen Worte.



Literatur

ENCYCLOPAEDIA OF NORTHERN THAI CULTURE สารานุกรมวัฒนธรรมไทย ภาคเหนือ. (1999): „Bualai Theppawong, Mae Cao บัวไหล เทพวงศ์, แม่เจ้า“. In: Foundation of Thai Cultural Encyclopaedia. Saranukrom Watthanatham Thai Phak Nüa Lem 7 สารานุกรมวัฒนธรรมไทย ภาคเหนือ เล่ม ๗. Bangkok: Foundation of Thai Cultural Encyclopaedia, Thai Commercial Bank, 3418–3420.

GINSBERG, Henry. (1989): Thai Manuscript Painting. London: British Library.

GRABOWSKY, Volker. (2011): „Manuscript Culture of the Tai“. In: Manuscript Cultures, 4, 145–156.

HINÜBER, Oskar von. (2000): A Handbook of Pali Literature. New York: De Gruyter.

IGUNMA, Jana. (2013): „Aksoon Khoom: Khmer Heritage in Thai and Lao Manuscript Cultures“. In: Tai Culture: Interdisciplinary Tai Studies Series, 13, 25–32.

ONGSAKUL, Sarassawadee สุรัสวดี อ๋องสกุล. (2010): Prawattisat Lanna ประวัติศาสตร์ล้านนา. Bangkok: Amarin Publishing.

PUNNOTHOK, Thawat ธวัช ปุณโณทก. (2006): Aksòn Thai Boran Laisü Thai Lae Wiwatthanakan Aksòn Khòng Chonchat Thai อักษรไทยโบราณ ลายสือไทยและวิวัฒนาการอักษรของชนชาติไทย. Bangkok: Chulalongkorn University Press.


Beschreibung
Nationalbibliothek Thailand (Bangkok)
Signatur: MS Nr. 134 „Yatticatutthakammavācā Uppasombot“
Unterabteilung Illustrierte Manuskripte, Abteilung Säkulare Handbücher, Manuskript-Sammlung
Pali und Thailändisch, Khòm-Schrift
Material: Mit einem Stapel dicken Papiers verbundener Stoff, mit Seide in Schriftform bestickter Stoff, 24 gefaltete Seiten.
Maße: 45 x 13 x 3,8 cm
Herkunft: ca. 1900, Provinz Phrae, Nord-Thailand


Text von Peera Panarut
© für alle Abb.: The National Library of Thailand (Bangkok)
Übersetzung: Amper Translation Service
Zitationshinweis:
Peera Panarut, „Farbenfrohe Loyalität“
In: Andreas Janke (Hg.): Manuskript des Monats 2015.11, SFB 950: Hamburg,
http://www.manuscript-cultures.uni-hamburg.de/mom/2015_11_mom.html