last month
next month

Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC)

01/2016 manuskript  des monats


Lang lebe der König (und seine Manuskripte)!

Eine Geschichte von Macht und Ritualen aus dem mittelalterlichen Kathmandu

Alte Sanskrit-Manuskripte enthalten mitunter Hinweise auf ihre Herstellung, verraten uns aber nur selten etwas über ihre spätere Verwendung. Auch wenn es nicht immer ganz einfach ist, in solchen Manuskripten Informationen über ihre Geschichte zu finden, trägt ein genauerer Blick manchmal doch dazu bei, etwas über ihr Schicksal zu erfahren. Ein mittelalterliches Manuskript aus dem Nationalarchiv Kathmandu, das deutlich sichtbare Spuren seiner jahrhundertelangen Verwendung trägt, ist ein gutes Beispiel dafür. Was genau verrät es uns über sein langes Leben nach seiner Niederschrift?

Das Manuskript besteht aus 289 Palmblättern. Es enthält acht Texte, die vor allem dem Gott Śiva gewidmete fromme Übungen und die religiösen Pflichten seiner Verehrer behandeln. Die Innenseite des hölzernen Vorderdeckels verweist auf diesen speziellen Inhalt, indem hier die Anbetung des liṅga dargestellt ist, des Gottes Śiva, der bildlich durch die zylindrischen, länglichen Objekte repräsentiert wird (siehe Abb. 1). Die acht in dem Manuskript enthaltenen Texte sind unter Gelehrten gemeinhin als Śivadharma-Korpus bekannt und häufig zusammen in nepalesischen Sammelhandschriften zu finden. Das vorliegende Manuskript ist Teil einer alten und reichen Schreibtradition, von der Exemplare aus der Zeit vom 9. bis zum 20. Jahrhundert erhalten sind.


Abb. 1: Hölzerner Vorderdeckel, Innenseite; Szenen der liṅga-Anbetung > Vergrößern

Dank des Kolophons am Ende, einer Schreibernotiz also, die das Datum der Herstellung des Manuskriptes angibt, wissen wir genau, wann innerhalb dieser langen Zeitspanne unser Manuskript entstanden ist. Der Schreiber, der von sich selbst als „dem angesehenen [Mann] namens Rāma“ spricht (Abb. 2 und 3), nennt das Datum der Fertigstellung der Abschrift in einem kurzen, von ihm verfassten Gedicht, worin er in vier Strophen im Śārdūlavikrīḍita-Metrum („Spiel des Tigers“) ein Loblied auf König Rudradeva singt: Der König ist „Rudra, wie der unübertroffene Rudra, der nach keinem anderen Reichtum strebt als dem Wohlstand und dem Wohlergehen der Anderen“. König Rudradeva regierte von etwa 1167 bis 1175; das Manuskript wurde verfasst „im abgelaufenen nepalesischen Jahr namens ‚Äther-Planet-Hand‘,am 15. Mond-Tag in der hellen [Hälfte] des Pauṣa-Monats, am Tag der Sonne, als der berühmte Rudradeva König [war], dessen zum Vorschein kommender Ruhm die Strahlen des Mondes verdunkelte“. Dieses Datum entspricht dem 4. Januar 1170. Das kurze Gedicht für den König am Ende des Manuskripts lässt eine direkte Verbindung mit Rudradeva oder der königlichen Familie vermuten, deren Mitglieder die Anfertigung des Manuskripts vielleicht förderten.


Abb. 2: Fol. 290r, Ende des Dharmaputrikā, des letzten Werks im Śivadharma-Korpus, und ein Gedicht zum Lobpreis König Rudradevas > Vergrößern


Abb. 3: Fol. 290v, Ende des Gedichts zum Lobpreis König Rudradevas am Ende des Manuskripts > Vergrößern

Dieses Manuskript aus dem Śivadharma-Korpus war sicher nicht dazu bestimmt, nach seiner Fertigstellung an jenem Tag im Januar 1170 ungenutzt in einem Archiv zu liegen. Das ist bereits auf dem ersten Blatt (Folio) zu erkennen, auf dessen Vorderseite die in dem Manuskript enthaltenen Werke aufgelistet sind. Dieses später hinzugefügte Inhalts¬verzeichnis stammt erkennbar von einem anderen Schreiber als die Texte selbst (Abb. 4). Es enthält die Titel, die Anzahl der Blätter und der Kapitel sowie Kurzversionen der Textanfänge. Wir wissen daher, dass das Manuskript auch Jahrhunderte nach seiner Herstellung noch verwendet wurde, weil es jemand für notwendig hielt, ein Inhaltsverzeichnis anzulegen, um ein Werk innerhalb der Handschrift leicht finden zu können, vielleicht sogar, um dem Verlust von Teilen des Manuskripts vorzubeugen. Immerhin lässt sich eine Art des Gebrauchs dieser Handschrift identifizieren, zudem ist es möglich, eine Zeit zu bestimmen, zu der diese Handschrift noch benutzt wurde.


Abb. 4: Fol. 1r, Inhaltsverzeichnis > Vergrößern

Auf Fol. 254v (siehe Abb. 5) findet sich ein weiterer Kolophon mit einem deutlich späteren Datum. Er bezeugt, dass das Manuskript während einer elf Tage dauernden öffentlichen Rezitation vorgelesen wurde, die im „Jahr 772, am Tag des Vollmonds der hellen Hälfte des [Monats] Kārttika, unter dem Asterismus der Aśvin“ endete (November 1651, während der Regierungszeit König Pratāpamallas von Kathmandu). Das Manuskript wurde also zu jenem späten Zeitpunkt, 482 Jahre nach seiner Fertigstellung, immer noch in rituellen Lesungen benutzt, die mehr als einmal von den Texten des Śivadharma-Korpus vorgeschrieben werden, insbesondere vom Śivadharmottara (einem der ältesten Werke dieses Korpus), und auch durch ähnliche Notizen in anderen nepalesischen Manuskripten bezeugt sind.


Abb. 5: Fol. 254v, Kolophon, der die öffentliche Lesung des Manuskripts bezeugt, als König Pratāpamalla von Kathmandu an der Macht war > Vergrößern

Die Kolophone unseres Manuskripts lassen somit die enge Verbindung erkennen, die zwischen seiner Herstellung und seinem Gebrauch einerseits und der Macht des Königs andererseits bestand. Wahrscheinlich wurde es auf Geheiß Rudradevas – eines der relativ unbekannten Ṭhākurī-Könige – in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts angefertigt und bis zur Regierungszeit von Pratāpamalla (reg. 1641–1674) oder noch länger bei rituellen Rezitationen verwendet. Die Regierungszeit dieses Königs stellte einen der Höhepunkte in der Geschichte der Malla-Dynastie dar. Die rituelle Funktion des Manuskripts bestand auch darin, die Herrscher zu preisen, die seine Herstellung in Auftrag gegeben hatten hatten. Das verdeutlichen die Malereien auf den Innenseiten der beiden Holzdeckel, die sehr wahrscheinlich zur Zeit der Anfertigung des Manuskripts beigegeben wurden. Sie zeigenPraktiken, die in den Schriften des Śivadharma-Korpus empfohlen werden, nämlich die Anbetung des liṅga (Abb. 1) und die Verehrung der Götter in ihrer bildlichen Gestalt (Abb. 6). Nach der im Śivadharmottara erläuterten Lehre sind Śiva und das Manuskript, welches „sein“ Wissen (śivajñāna) übermittelt, tatsächlich ein und dasselbe, weshalb die Verehrung des einen automatisch auch die Verehrung des anderen bedeutet.

Der große Wert, den man auf den rituellen Gebrauch von Manuskripten legte, stellt möglicherweise nicht nur einen Schlüssel zum Verständnis dieses spezifischen Objekts dar, sondern kann auch zum Verständnis zweier Hauptmerkmale vieler ähnlicher Manuskripte des Śivadharma-Korpus aus dem mittelalterlichen Nepal beitragen: ihrer großen Zahl – grob geschätzt mehr als sechzig– und der Tatsache, dass es sich stets um Manuskripte mit mehreren Texten handelt, deren Anordnung die vorgeschriebene Reihenfolge widerspiegeln könnte, in der die Texte während des Rituals gelesen werden sollten. Wie es in der letzten Strophe des Śivadharmottara heißt: „Wo der König ohne Unterbrechung dem Śivadharma lauscht, da wird es allen fühlenden Wesen immer wohlergehen“. Die Herrscher Nepals scheinen diesen Ratschlag ernst genommen und in die Tat umgesetzt zu haben, indem sie die Entstehung und Erweiterung dieses Textkorpus unterstützten.


Abb. 6: Hölzerner Rückdeckel, Innenseite; Szenen der Anbetung verschiedener Gottheiten > Vergrößern



Literatur

DE SIMINI, Florinda (in Vorbereitung.). „Śivadharma Manuscripts from Nepal and the Making of a Śaiva Corpus“. Michael Friedrich (Hg.), One-Volume Libraries: Composite and Multiple-text Manuscripts. Berlin, De Gruyter.

PETECH, Luciano (1984). Mediaeval History of Nepal (c. 750–1482). Rom, Istituto Italiano per il Medio ed Estremo Oriente (Is.Me.O). Serie Orientale Roma vol. LIV (1. Auflage: 1958).


Beschreibung
Nationalarchiv Kathmandu
Signatur: 1-1075. Nepalesisch-deutsches Projekt zur Präservierung von Manuskripten, Filmrolle Nr. B 7/3
Material: Palmblätter. 289 Folia. 2 Fadenlöcher, 6 Zeilen auf einer Seite
Maße: 58 x 6 cm
Herkunft: Nepal; 4. Januar 1170



Text von Florinda De Simini
© für Abb. 1–5: Nationalarchiv Kathmandu
Zitationshinweis:
Florinda De Simini, „Lang lebe der König (und seine Manuskripte)!“
In: Andreas Janke (Hg.): Manuskript des Monats 2016.1, SFB 950: Hamburg,
http://www.manuscript-cultures.uni-hamburg.de/mom/2016_01_mom.html