last month
next month

Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC)

01/2017 manuskript  des monats


Rückkehr der Gladiatoren

Mitte des 20. Jahrhunderts verschwand ein Manuskript spurlos aus einer mitteldeutschen Bibliothek. Erst Jahrzehnte später tauchte es im Nachlass eines Sammlers in New Haven, Connecticut, wieder auf. In den Jahren dazwischen wurde das Manuskript verkauft, versteigert, auseinandergenommen und wieder zusammengebunden. – Es beschreibt in Wort und vor allem Bild den mittelalterlichen Zweikampf in Rüstung. Die sorgfältig ausgeführten Illustrationen dienen auch heute noch Interessierten als Lehrmaterial für die Wiederbelebung der historischen Kampfkünste.


Abb. 1: Eine Doppelseite des New Havener Gladiatoria-Manuskripts (fol. 2v–3r). Geharnischte
Kämpfer treten in unterschiedlichen Waffendisziplinen gegeneinander an. > Vergrößerung

Laut den Aufzeichnungen der Bibliothekare der Herzoglichen Bibliothek zu Gotha bestand der Codex Gothanus Membr. II 109 aus drei ursprünglich selbständigen kodikologischen Einheiten: einem Fechtbuch, dem Fragment einer spanischen Komödie aus der Feder Lope de Vegas und einem Teil mit spanischen Gedichten sowie französischen und lateinischen Texten. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges oder kurz danach verschwand das Manuskript unter ungeklärten Umständen aus der Bibliothek. Der dritte Teil ist bis heute verschollen; der zweite tauchte 1953 wieder auf; der erste Teil, um den es im Folgenden gehen wird, blieb über mehrere Jahrzehnte unauffindbar, ein Fechtbuch aus der sog. Gladiatoria-Gruppe. Das namengebende aus dieser Gruppe von sechs Manuskripten befindet sich heute in der Biblioteka Jagiellońska in Krakau. Auf dem Titelblatt steht in Versalien der Begriff „Gladiatoria“ (= Schwertkampf).

Während das Gothaer Fechtbuch als verschollen galt, wurde in den 1950er und 60er Jahren in Heidelberg eine bis dahin unbekannte Handschrift der Gladiatoria-Gruppe als Einzelblätter versteigert und über Stockholm schließlich nach Amerika verkauft, wo sie für die nächsten Jahrzehnte im Archiv eines unbekannten Privatsammlers verschwand. Bereits im Jahr 1987 wies Hans-Peter Hils nach, dass es sich bei dem unbekannten Heidelberger Exemplar tatsächlich um das verloren geglaubte Manuskript aus Gotha handelte.

Doch erst als zu Beginn des neuen Jahrtausends Handschriften der Rare Book and Manuscript Library des Yale Center for British Art digitalisiert und allgemein zugänglich gemacht wurden, konnte Hils’ Vermutung bestätigt werden. Denn unter diesen Manuskripten befand sich auch eine Fechthandschrift, die anhand älterer Beschreibungen als das lange verloren geglaubte Gladiatoria-Exemplar identifiziert werden konnte.


Abb. 2: Der linke Fechter trägt einen Kasten-
brustharnisch, der um die Mitte des 15. Jahr-
hunderts in den deutschen Landen beliebt war.
> Vergrößerung

Aufgrund der Ähnlichkeit mit anderen Handschriften und der sprachlichen Eigentümlichkeiten kann eine Werkstattarbeit im Gebiet des heutigen Bayerns oder Österreichs angenommen werden. Der Schriftduktus und der Stil der Rüstungen weisen in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts, ein Entstehungszeitraum um 1430 ist wahrscheinlich (Abb. 1).

Die Handschrift ist eines von weltweit etwa 110 erhaltenen Fechtbuchmanuskripten. Ein großer Teil stellt Sammelwerke dar, die mehrere Waffendisziplinen behandeln. Hierzu gehört auch die Gladiatoria-Gruppe, die vornehmlich den Zweikampf geharnischter Kämpfer mit unterschiedlichen Waffen schildert. Zwei weitere Exemplare dieser Gruppe, die sich in Wien und Krakau befinden, sind der hier vorgestellten Fassung in Wort und Bild sehr ähnlich: Sie zeigen auf jeder Seite eine Illustration, die etwa drei Viertel des Platzes einnimmt. Unter einer Trennlinie zu Füßen der Kämpferpaare befinden sich bis zu acht Zeilen Text, der sich übergreifend ähnelt, bis hin zum Zeilenfall. Wort und Bild unterstützen sich gegenseitig: Der Text erläutert knapp, aber präzise eine Fechttechnik, von der ein charakteristischer Augenblick im Bild wiedergegeben wird.

Die Handschrift aus New Haven ist insofern bemerkenswert, als sie durch den größten Variantenreichtum an Rüstungsdetails hervorsticht. Die mit Wasserfarben lavierten Federzeichnungen über einer Bleistift-Vorzeichnung stammen wahrscheinlich von einem einzigen Künstler. Alle Kämpfer tragen geschlossene Visierhelme von recht einheitlicher Ausführung, die Rüstungsdetails hingegen variieren stark. Die Rüstungen sind mit großer Liebe zum Detail gezeichnet und nicht eine gleicht der anderen. Die Harnische gehören zu einer Übergangsphase zwischen einem weicheren zum spitzigen, sogenannten gotischen Stil, in der das Manuskript entstanden ist (Abb. 2).


Abb. 3 und 4: Eine Technikabfolge, die beim Neubinden der Handschrift durcheinandergeraten
und in die falsche Reihenfolge gebracht worden ist: fol. 28v (rechts, > Vergrößerung) zeigt den
Anfang der Technik, bei der die Stulpe des Handschuhs angegriffen wird, fol. 27r (links,
> Vergrößerung) den dazugehörigen Konter. Wenn es einem der Kombattanten im gerichtlichen
Zweikampf gelingt, den Gegner aus dem abgesteckten Kampfring zu führen, kann er auch ohne
Blutvergießen das Gefecht zu seinen Gunsten entscheiden.

Als das Manuskript im Jahr 1838 von den Gothaer Bibliothekaren ausführlich untersucht wurde, bestand der Gladiatoria-Teil aus 43 Blättern. Obwohl der Codex wiederholt auseinandergenommen und neu gebunden wurde, ging seitdem kein einziges davon verloren. Die gegenwärtige Bindung aus den 1960er Jahren jedoch ist fehlerhaft. Ein Beispiel sind fol. 27r und 28v (siehe Abb. 3 und 4). Auf den zwei Seiten wird eine eigentlich zusammengehörige Technik mit dem Plattenhandschuh geschildert, die hier aber auseinandergerissen und in der Abfolge vertauscht wurde. Der Grund für diese Konfusion besteht darin, dass im Abschnitt über das Schwertfechten keine Nummerierung der Einzeltechniken im Text erscheint, anders als bei den anderen Waffendisziplinen. Weiterhin tragen zahlreiche Seiten verschiedene, widersprüchliche Nummerierungen von unterschiedlichen Schreiberhänden. So gibt es etwa nur auf den ersten Seiten der Schwertsektion eine in Tinte ausgeführte Paginierung; weiter hinten jedoch eine unvollständige Foliierung, die überdies Lücken und Doppelungen aufweist. Rekonstruierbar wird die ursprüngliche Reihenfolge nur im Abgleich mit den beiden Schwesterhandschriften aus Krakau und Wien, in denen die korrekte Reihenfolge bewahrt wurde.

Anhand der Technik-Nummerierungen im Text lässt sich zudem feststellen, dass der Codex eigentlich nicht vollständig ist. So folgt etwa auf die 17. Dolchtechnik direkt die 30. Die dazwischen liegenden Blätter müssen allerdings bereits vor 1838 verlorengegangen sein.

In den Illustrationen werden ausnahmslos Zweikämpfe dargestellt, so dass eine Anwendung der Techniken für die Schlacht zweifelhaft erscheint. Das Manuskript zeigt eine Vielzahl von Kampfdisziplinen, die von geharnischten Techniken mit Speer, Schwert oder Dolch bis zum unbewaffneten Kampf am Boden reichen.

Welches Publikum das New Havener Gladiatoria-Manuskript ursprünglich ansprechen wollte, lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Während manche Fechtbücher als Prachthandschriften in Auftrag gegeben wurden, dienten andere eher als persönliche Studien- und Notizbücher. Der repräsentative Charakter unserer Gladiatoria-Handschrift setzt allerdings eine sorgfältige Planung und eine anspruchsvolle Klientel voraus. Unklar bleibt jedoch, ob sie einen praktischen Nutzen als Lehrbuch erfüllen sollte, eine Bestandsaufnahme der Fechtlehre eines bestimmten Meisters darstellte, oder aber als Wahrer einer schwindenden Tradition vorgesehen war. Denn obwohl der gerichtliche Zweikampf im 15. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung verlor, wird nicht nur in der Gladiatoria-Gruppe, sondern auch in weiteren Manuskripten die Vorbereitung auf eine solche Auseinandersetzung angesprochen. Hierbei aber war es, anders als häufig angenommen, nicht unbedingt notwendig, den Gegner tatsächlich zu töten. Es reichte durchaus, ihn aus dem umschränkten Kampfring herauszutreiben – wie es etwa auf fol. 28 verso (siehe Abb. 4) zu sehen ist.

Die Handlungsanweisungen des jahrhundertalten Gladiatoria-Fechtbuchs sind jedenfalls so akkurat, dass die sogenannten historischen Fechter heutiger Tage sie als Grundlage für ihr Training nehmen – durchaus im Harnisch, jedoch ohne den Sparringspartner in Lebensgefahr zu bringen.



Literatur

BENARY, Walter (1912): Ein unbekanntes handschriftliches Fragment einer Lope’schen Komödie. – Zeitschrift für Romanische Philologie, Band 36, Heft 6.

FRÜHMORGEN-VOSS, Hella/OTT, Norbert H./BODEMANN, Ulrike/STÖLLINGER-LÖSER, Christine/LENG, Rainer (ed.) (2009): Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des Mittelalters Band 4/2, Lfg. 1/2: 38. Fecht- und Ringbücher. München: Bayerische Akademie der Wissenschaften.

HAGEDORN, Dierk/WALCZAK, Bartłomiej (2015): Gladiatoria: New Haven – MS U860.F46 1450. Herne: VS Books.

HILS, Hans-Peter (1985): Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Frankfurt am Main: Verlag Peter Lang.

HILS, Hans-Peter (1987): „Gladiatoria“ Über drei Fechthandschriften aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. – Codices manuscripti, Heft 1/2.

JACOBS, Friedrich/UKERT, Friedrich August (1838): Beiträge zur ältern Litteratur oder Merkwürdigkeiten der Herzogl. öffentlichen Bibliothek zu Gotha, Fünftes Heft oder dritten Bandes erstes Heft. Leipzig: Dyk’sche Buchhandlung.


Beschreibung
Yale Center for British Art, Paul Mellon Collection. New Haven, Connecticut
Signatur: MS U860.F46 1450
Material: Pergament, 43 Blätter; drei bis acht Zeilen Text unterhalb der Illustrationen (bei drei Blättern wurde der Text abgeschnitten: fol. 3, 4 und 7); punzierter rotbrauner Ledereinband (1960er Jahre)
Maße: 165 x 178 mm
Herkunft: um 1430, bairischer Sprachraum






Text von Dierk Hagedorn
© für alle Bilder:
Yale Center for British Art, Paul Mellon Collection
Zitationshinweis:
Dierk Hagedorn, „Rückkehr der Gladiatoren“
In: Wiebke Beyer, Zhenzhen Lu (Hg.): Manuscript des Monats 2017.02, SFB 950: Hamburg,
http://www.manuscript-cultures.uni-hamburg.de/mom/2017_01_mom.html