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Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC)

manuskript  des monats


Ein Freund fürs Leben:

Über das Jugendbuch Yu Boya zerschlägt aus Trauer um einen geliebten Freund seine Zither

Was macht Freundschaft aus, und wer ist ein wahrer Freund? Hat man den Freund fürs Leben gefunden, wie geht man mit der unvermeidlichen Trennung am Ende des sterblichen Lebens um? Mit diesen Fragen setzte sich ein junger Mann Anfang des 19. Jahrhunderts in Peking auseinander, als er, inspiriert durch die Geschichte zweier Freunde aus dem chinesischen Altertum, seine eigene Abschrift eines Buches anfertigte, das er gekauft hatte: Yu Boya zerschlägt aus Trauer um einen geliebten Freund seine Zither. Wovon handelte die Geschichte, und warum berührte sie sein Herz? Was kann uns das Manuskript mit all seinen Anmerkungen und Kommentaren heute über seine Welt als Leser sagen?


Abb. 1: Fol. 3v und 4r (von rechts nach links). Teil des
Vorworts, unterschrieben, datiert und gesiegelt von
Wang Jinwen. > Vergrößerung

Das Manuskript, das in der Capital Library of China aufbewahrt wird, gehörte ursprünglich Wu Xiaoling (1914–1995), einem bedeutenden Gelehrten und Sammler chinesischer volkstümlicher Literatur, der es von seinem Mittelschullehrer Zheng Qian erworben hatte. Der dünne Band mit 43 Blättern misst 12,6 mal 26,9 cm. Die ursprünglichen Buchdeckel und die Bindung sind nicht erhalten; sein jetziges Aussehen mit Vier-Loch-Fadenbindung und verstärkten Seiten erhielt er durch eine spätere Restaurierung. Das Manuskript enthält den frühesten datierten handschriftlichen Text eines zidishu (verschieden übersetzt als „Jugendbuch“, „Geschichten für den Nachwuchs” oder „Geschichten der Bannerträger”), eine Gattung der Verserzählung, die ihre Blütezeit als eine Form der darstellenden Kunst Mitte des 18. bis Ende des 19. Jahrhunderts im Norden Chinas erlebte. Die Verse, die in siebensilbigen Zeilen verfasst sind, wurden zum Spiel der dreisaitigen Laute gesungen. Unser Manuskript zeigt, dass zidishu einst auch Gegenstand ernsthafter Lektüre waren, und gibt wichtige Hinweise auf deren frühe Leserschaft.

Das sorgfältig angefertigte Manuskript bietet eine vollständig begleitete Lektüre des Jugendbuchs. Wir kennen den Namen des Wegweisers, denn das ausführliche Vorwort mit zahlreichen Betrachtungen über das Wesen der Freundschaft ist von „Wang Jinwen von Beiping“ unterzeichnet und auf den sechzehnten Tag des zehnten Monats des Jahres 1815 in seinem Atelier in der Hauptstadt datiert, zudem trägt es seine Siegel (Abb. 1). Im Vorwort erzählt Wang, dass er eine Schwäche für minderbedeutende Genres hat und „zufällig“ eine Kopie des Buches erwarb. Die Geschichte bewegte ihn so sehr, dass er sich entschloss, eine kommentierte Version anzufertigen. Auf den folgenden Seiten folgt jeder der fünf Szenen der Geschichte ein Kommentar von Wang, dessen Anmerkungen in kleinerer Schrift auch auf dem oberen breiten Rand der Seiten zu finden sind. Da das ganze Manuskript von derselben Hand geschrieben ist, können wir annehmen, dass der Text von Wang selbst kopiert wurde, auch wenn das nicht ganz sicher ist. Was allerdings sicher ist, ist, dass es sich nicht um einen ersten Entwurf handelt, die sorgfältige Schrift lässt vielmehr darauf schließen, dass das Buch für die Lektüre gedacht war.


Abb. 2: Fol. 17v und 18r. Wangs Anmerkungen sind in
kleinen Schriftzeichen über dem Haupttext auf Fol. 17v,
rechts, zu sehen. Seine allgemeinen Erläuterungen zur
Szene beginnen auf Fol. 18r, links. > Vergrößerung

Die Anmerkungen und Kommentare reichen von philosophischen Betrachtungen über Mitgefühl mit dem Schicksal der Protagonisten bis hin zu noch persönlicheren Überlegungen und zeigen Wang als einen gebildeten und passionierten Leser, der mit den Klassikern vertraut war und gleichzeitig großes Interesse an den volkstümlichen Gattungen Drama und Erzählung hatte. Ein Anhang mit der Überschrift Shenjiao geyan („Maximen für das Schließen von Freundschaft”) enthält Zitate und Passagen aus verschiedenen klassischen Texten und bildet mit diesen Weisheiten aus der Welt des Konfuzianismus einen angemessenen Abschluss des Buches.

Die Geschichte Yu Boya zerschlägt aus Trauer um einen geliebten Freund seine Zither, die dem Manuskript seinen Titel gab, handelt von der Freundschaft zwischen Zhong Ziqi und Yu Boya, einem berühmten Meister der qin (eine Art Zither) aus der Zeit der Frühlings- und Herbstannalen (770–476 v. Chr.). Die Handlung des Jugendbuches beruht vermutlich auf der Version des bekannten Stoffes, den Feng Menglong (1574–1646) in der Geschichtensammlung Jingshi tongyan („Mahnende Worte an die Welt“) im 17. Jahrhundert herausgegeben hat. Wie das Jugendbuch berichtet, war Boya ein Minister und Ziqi ein einfacher Holzfäller, die sich eines Nachts im Herbst begegneten, als Boya mit einem Boot durch die Lande reiste. Zur Überraschung des Ministers war Ziqi sehr bewandert in der Kunst der qin und konnte anhand von Boyas Musik erkennen, was ihm auf dem Herzen lag – zuerst die hoch aufragenden Berge, dann der strömende Fluss. Gesellschaftlichen Konventionen zum Trotz wurden sie beste Freunde. Sie schworen, sich im darauffolgenden Jahr wieder an gleicher Stelle zu treffen. Doch bei seiner Rückkehr muss Boya feststellen, dass sein Freund nicht mehr in der Welt der Sterblichen weilt. In der letzten Szene besucht ein tief erschütterter Boya das Grab von Ziqi und spielt ein letztes Mal auf seiner qin. Danach zerschlägt er das Instrument an der Steinterrasse – ohne seinen Freund würde er nie wieder spielen.

Das chinesische Wort für bester Freund, zhiyin („der die Musik versteht“), stammt aus der Geschichte von Boya und Ziqi. In der chinesischen Literaturkritik wurde das hoch geschätzte, intuitive Verstehen der Gedanken eines Anderen auf die Leseerfahrung übertragen. Und so mancher Kommentator bemühte sich, die eigene Interpretation eines Textes durch Berufung auf wahres Verstehen zu legitimieren. Wangs „Edition“ des Jugendbuches sprach damit eine weitere Kommentartradition an, deren Einfluss nicht nur in den prestigeträchtigen klassischen Gattungen der Dichtung und Prosa zu spüren war, sondern auch in den umgangssprachlichen Erzählungen und Dramen. Indem er ein Jugendbuch mit Kommentaren versah, zeigte Wang, dass er das minderbedeutende Genre der Verserzählung literarischer Aufmerksamkeit für würdig erachtete.

Wangs Kommentare sind auf charmante Art persönlich und zugleich an potenzielle Leser adressiert. In der Szene „Der Bund“ fragt Boya Ziqi, unmittelbar bevor sie ihre Freundschaft besiegeln, nach dessen Alter, worauf Ziqi antwortet, er sei 27 Jahre alt. In seiner Randbemerkung über dem Haupttext (Abb. 2) offenbart Wang:


Abb. 3: Wangs Bemerkungen, vergrößert
(„Während ich dieses Buches lese, bin ich
gerade 27 Jahre alt...“) > Vergrößerung

„Während ich dieses Buches lese, bin ich gerade 27 Jahre alt. Ich habe mir gedacht, dass Ziqi im Altertum für seine Tugend berühmt war, während ich ein gewöhnlicher Mensch unserer Zeit bin. Also kann ich natürlich nicht solch wunderbare Begegnungen haben wie die Alten. Aber auch ich habe Freunde, denen meine Einfachheit gefällt, so dass wir jedes Mal, wenn wir uns treffen, die Freude über unser tiefes gegenseitiges Verständnis und die guten Gespräche teilen können, auch wenn es nicht dieselben Gefühle sind, wie sie die Alten hatten. Und so ertragen wir es nicht, uns zu trennen, denn wir fürchten, dass es schwierig sein wird, uns wieder zu treffen, wenn wir erst auseinander gegangen sind. Leben und Tod sind wahrlich schwer vorherzusagen. Und daher richte ich diese Warnung nicht nur an mich selbst, sondern an alle, denen Freunde wichtig sind: Wenn du einem Freund begegnest, verlass ihn nicht. Boyas Beispiel muss uns eine Lehre sein.“

In seinem Vorwort gesteht Wang, dass er schon in sehr jungen Jahren die Schule abgebrochen hat, und bekennt spielerisch in einem Zweizeiler: „Fremd in der Welt der Literatur / Bin ich auf den Märkten zu Hause.“ Die tiefere Bedeutung dieser Zeilen bleibt zu klären. Angesichts seiner offensichtlichen Kenntnisse der Kommentarkonventionen und seiner vielen Anspielungen auf die eigene „Weltlichkeit“ war er vielleicht mit dem Buchhandel vertraut. Wir haben jedoch weder genaue Informationen darüber, womit er seinen Lebensunterhalt bestritt, noch über das Buch, das er gekauft und aus dem er kopiert hat – oder was er mit dem sorgfältig angefertigten Manuskript im Sinne hatte. Sicherlich war ihm jedoch bekannt, dass es eine Leserschaft gab, die wie er selbst Freude am Lesen, Schreiben und Nachdenken fand, die sowohl beim Lesen als auch im Leben Gleichgesinnte suchte und der „Freunde wichtig waren“.


Literatur

CHEN Jinzhao 陳錦釗 (1977): Zidishu zhi ticai laiyuan ji qi zonghe yanjiu 子弟書之題材來源及其綜合硏究 . Unveröffentlichte Dissertation. Chengchi Nationaluniversität, Taipeh.

CHIU, Elena (2018): Bannermen Tales (Zidishu): Manchu Storytelling and Cultural Hybridity in the Qing Dynasty. Cambridge, MA: Harvard University Asia Center.

CUI Yunhua 崔蕴华 (2005): Shuzhai yu shufang zhijian: Qing dai zidishu yanjiu 書斋与書坊之間: 清代子弟書研究. Peking: Universität Peking.

ELLIOT, Mark C. (2001): „The ʻEating Crabsʼ Youth Book“. In: Susan Mann und Yu-yin Cheng (Hgg.): Under Confucian Eyes: Writings on Gender in Chinese History. Stanford: Stanford University Press, 262–281.

FENG Menglong 馮夢龍 (1624): Jingshi tongyan 警世通言 , juan 1. Sammlung des Tōyō Bunka Kenkyūjo, Signatur 仁井田-集-N4038. http://shanben.ioc.u-tokyo.ac.jp/main_p.php?nu=D8621501&order=rn_no&no=04436 (abgerufen am 12.09.2018).

GOLDMAN, Andrea (2001): „The Nun Who Wouldn’t Be: Representations of Female Desire in Two Performance Genres of ‘Si Fan’“. In: Late Imperial China, 22.1, 71–138.

HUANG, Martin W. (1994): „Author(ity) and Reader in Traditional Xiaoshuo Commentary“. In: Chinese Literature: Essays, Articles, and Reviews, 16, 41–67.

WU Xiaoling吳曉鈴 (1982): „Suizhong Wu shi Shuanghun Shuwu suocang zidishu mulu“ 綏中吳氏雙棔書屋所藏子弟書目錄 In: Wenxue yichan 文學遺產, 4, 150–156.


Beschreibung
Yu Boya shuaiqin xie zhiyin zidishu 俞伯牙摔琴謝知音子弟書
Capital Library of China (Shoudu tushuguan)
Signatur: yi (已) 401
Material: Papier, 43 Blätter, Fadenbindung (neu gebunden)
Maße: 12,6 × 26,9 cm
Herkunft: 1815, Peking



Manuskript des Monats 10/2017
Text von Zhenzhen Lu
für alle Bilder: Capital Library of China
Zitationshinweis:
Zhenzhen Lu, „Ein Freund fürs Leben:
Über das Jugendbuch Yu Boya zerschlägt aus Trauer um einen geliebten Freund seine Zither
In: Wiebke Beyer, Zhenzhen Lu (Hg.): Manuscript des Monats 2017.10, SFB 950: Hamburg,
http://www.manuscript-cultures.uni-hamburg.de/mom/2017_10_mom.html