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Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC)

01/2012 manuskript  des monats


Ein Koran über dem Koran – wozu die Mühe?

Bei dem hier vorgestellten Koranmanuskript handelt es sich um ein Palimpsest, also ein Blatt, von dem die ursprüngliche Schrift vollständig abgewaschen und das dann neu beschrieben wurde. Nach einiger Zeit kam diese untere Schicht wieder zum Vorschein und ist nun blass erkennbar. Das Manuskript ist vermutlich nur wenige Jahrzehnte nach dem Tode des Propheten Muhammad im Jahr 632 entstanden und somit eines der ältesten Textzeugnisse des Korans. Auf den ersten Blick höchst erstaunlich ist es, dass beide Schichten Teile des Korans, also desselben Werkes beinhalten. Es stellt sich die große Frage: Warum löscht jemand einen Text aus, nur um in ganz ähnlicher Schrift denselben Text darüber zu schreiben?

Koranseite
Koranpalimpsest

Entdeckt wurde das aus rund drei Dutzend Fragmenten bestehende Koranpalimpsest im Jahr 1972 bei Sanierungsarbeiten an der Westmauer der Großen Moschee von Sanaa. Es lagerte – zusammen mit 40.000 weiteren Bruchstücken von Koranmanuskripten des 7. bis 10. Jahrhunderts – in einer verschlossenen Kammer, die wohl aus der Scheu heraus eingerichtet wurde, religiöse Texte einfach wegzuwerfen, ähnlich wie in der jüdischen Praxis.

Innerhalb dieses für die Koranforschung überaus bedeutsamen Fundes nimmt das Palimpsest eine Sonderstellung ein. Bemerkenswert ist nicht nur, dass beide Schichten Teile desselben Textes enthalten, sondern auch die Tatsache, dass sie im selben Schrifttypus geschrieben sind, was auf eine Entstehung beider Schichten innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums hindeutet. Die Erklärung dieses Phänomens lässt sich im geschichtlichen Kontext finden: Die rasante Ausbreitung des islamischen Reiches nach dem Tod des Propheten Muhammad (632) führte auch dazu, dass in den nahen und entlegenen Gebieten Streitigkeiten über den genauen Wortlaut des Korans entstanden. Angesichts dieser Situation soll der islamischen Überlieferung nach der Kalif Uthman (reg. 644-656) schließlich eine Gruppe von ausgewählten Männern damit beauftragt haben, aus den versprengten schriftlichen und mündlichen Zeugnissen die authentische Fassung der Offenbarung zu rekonstruieren. Diese wurde zum offiziellen Standardtext, zur sogenannten kanonischen Version, während alle davon abweichenden Fassungen in den Städten vernichtet werden sollten – ein Befehl, dem nicht überall widerstandslos und unverzüglich nachgekommen wurde.


Surentrenner
Original und graphische Rekonstruktion der ausgelöschten Schrift
(Ausschnitt fol. 23r). Die vor allem im unteren Teil der Seite recht starke
Krümmung der Zeilen der unteren Schicht hängt möglicherweise mit dem
Verziehen des Pergaments durch das Befeuchten und Spannen bei der
Vorbereitung für die Neubeschreibung zusammen.

Was hat dies nun mit dem Koran über dem Koran zu tun? Eine genauere Betrachtung der unteren Schicht offenbart deutliche Abweichungen von diesem uthmanischen Standardtext – die im Übrigen keine dramatischen inhaltlichen Unterschiede zur Folge haben. Dies lässt vermuten, dass es sich um eine vorkanonische Fassung handelt, die infolge der uthmanischen Redaktion unerwünscht geworden war und daher ausgelöscht wurde. Die Herstellung eines solchen Manuskripts in einer nichtoffiziellen Fassung nach der Standardisierung durch Uthman ist mehr als unwahrscheinlich. Umso mehr, als es sich um ein teures Exemplar gehandelt haben muss, was schon am Materialwert deutlich wird: Für eine vollständige Abschrift des Korans in dieser Größe wäre die Haut von weit über 200 Tieren, wahrscheinlich Schafe oder Ziegen, nötig gewesen! Dies ist wohl auch der Grund, warum man es nicht bei der Vernichtung der unteren Schicht beließ: man wollte das teure Pergament nicht verschwenden, und so bereitete man die Blätter wieder auf und beschrieb sie mit der nun offiziellen Fassung. Das Koranpalimpsest von Sanaa ist damit Zeuge eines wichtigen Umbruchs in der islamischen Geschichte: der Fixierung des Korantextes.

Doch nicht nur als solcher ist es von großer Bedeutung: Durch das frühe Entstehungsdatum beider Schichten und dadurch, dass die zeitliche Reihenfolge der Schichten durch die physischen Gegebenheiten gesichert ist, ermöglicht dieses Manuskript wertvolle Einblicke in die Entwicklung der arabischen Schrift und Orthographie, die Datierung von Manuskripten anhand von Schriftmerkmalen und die Herstellung und Ornamentierung von Koranhandschriften im 7. Jahrhundert.

Die Seltenheit und Bedeutung des Manuskripts spiegelt sich nicht zuletzt im pekuniären Wert wieder: Von vier Blättern, die auf unbekannten Wegen in westliche Auktionshäuser gelangt sind, erzielte das zuletzt im Jahr 2008 bei Christie’s versteigerte Blatt £2,484,500(!) und ist damit das teuerste jemals versteigerte islamische Manuskript. Es fand sogar Erwähnung in der britischen Zeitschrift Country Life, die sich der Versteigerung und dem Verkauf von Landhäusern widmet, von denen durchaus einige günstiger zu erstehen sind als das Palimpsestblatt.



Quellen
VON BOTHMER, Hans-Caspar Graf (1988): „Masterworks of Islamic Book Art: Koranic Calligraphy and Illumination in the Manuscripts found in The Great Mosque in Sanaa“, in: W. Daum (Hg.), Yemen. 3000 Years of Art and Civilization in Arabia Felix, Innsbruck u.a., S. 178-181.
BLAIR, Sheila S. (2006): Islamic Calligraphy, Edingburgh.
DéROCHE, François (2009): La transmission écrite du Coran dans les débuts de l’Islam. Le codex Parisino-petropolitanus, Leiden.
Country Life, Ausgabe 14. Mai 2008, London, S.154.
PUIN, Elisabeth (2010): „Ein früher Koranpalimpsest aus Ṣanʿā’ (DAM 01-27.1). Teil III: Ein nicht-ʿuṯmānischer Koran“, in: M. Groß & K.-H. Ohlig (Hgg.): Die Entstehung einer Weltreligion I, Berlin, S. 233-305.
Auktionsergebnis Christie’s 2008

Kurzbeschreibung
Koran, Sure 32 Vers 20 – Sure 33 Vers 6 (obere Schicht); Sure 9, Vers 121-129 und Sure 19, Vers 1 – 5 (untere Schicht)
Pergament, 37 x 28 cm
Um 650 n. Chr.


Die hier abgebildeten Aufnahmen des Palimpsest-Manuskripts (fol. 23r) wurden freundlicherweise von Christian Robin zur Verfügung gestellt, sie wurden aus Mitteln des ANR-Projektes „De l’Antiquité tardive à l’Islam“ (DATI, geleitet von Christian Robin) erstellt. Die Rekonstruktion der unteren Schicht wurde durch Hadiya Gurtmann im Rahmen des Akademievorhaben "Corpus Coranicum" der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften angefertigt (BBAW). Eine Faksimile- Publikation des Manuskripts (mit graphischer Rekonstruktion der unteren Schicht) wird gegenwärtig im Rahmen des ANR-DFG-Projektes "Coranica" (BBAW und Académie des Inscriptions et Belles-Lettres) vorbereitet und soll in einem Faksimileband in der Reihe „Documenta Coranica“ (hg. v. F.Déroche, M.Marx, A.Neuwirth u. Ch.Robin) im Brill-Verlag erscheinen.


Text von Hadiya Gurtmann
© für alle Abbildungen: DATI / Ch. Robin & H. Gurtmann / BBAW Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften