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Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC)

09/2013 manuscript des monats


Notizen sind der Schlüssel …

Auf den ersten Blick erweckt dieses Manuskript aus dem Besitz der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg den Eindruck, es gehöre zur europäischen Manuskripttradition. Der Einband, bei dem es sich um die Überreste eines lateinischen Lektionars handelt, ist nämlich offensichtlich westeuropäischer Herkunft. Die Signatur „Orient. 274“ belehrt den Leser jedoch eines Besseren, und beim Durchblättern dieses in fidäl – der Schrift für die klassische äthiopische Sprache Ge’ez – geschriebenen Manuskripts wird klar, warum es als „orientalisch“ katalogisiert wurde. In der unteren Ecke des ersten Blatts fällt dem Leser folgende Notiz in lateinischer Sprache ins Auge: „Ich gehöre Johann Dieckmann aus Stade. Der [mich] im Februar 1668 in der Bibliotheca Gerhardina in Jena abgeschrieben hat“ (Abb. 3). Diese Aussage wirft viele Fragen auf, etwa: Wer war Johann Dieckmann? Was wissen wir über Gerhards Bibliothek, und wer war Gerhard? Was ist der Inhalt dieses kleinen Manuskripts, und warum wurde es auf diese Weise gebunden?


Abb. 1. Vorderer Einband
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Bei diesem kleinformatigen Manuskript mit den Maßen 10.5 x 8.5 cm handelt es sich um eine Sammelhandschrift, die drei verschiedene Texte umfasst: „Das Gebet unserer Heiligen Maria im Land Bartos“, das „Buch der (‚magischen‘) Namen“ und „Das Loblied auf die Heilige Maria, das an Sonntagen gelesen wird“. Während die ersten beiden Texte als eigenständige „magische“ Texte betrachtet werden können, findet man den dritten üblicherweise nicht in einem „magischen“ Kontext. „Das Loblied auf die Heilige Maria, das an Sonntagen gelesen wird“ ist Teil eines weitverbreiteten kanonischen Textes mit dem Titel „Das Loblied auf Maria“, der verschiedene Abschnitte umfasst, die an allen Wochentagen gelesen werden können. Im Gegensatz dazu werden die anderen beiden Texte dieses Manuskripts auch heute noch im Geheimen überliefert.

Die Handschrift ist eindeutig nicht äthiopisch: die Schrift im Allgemeinen, die Korrekturzeichen, Zierelemente, Satzzeichen und Fehler in Diktion und Orthographie zeigen, dass der Schreiber der äthiopischen Schriftsprache Ge’ez nicht ganz mächtig war. So verwechselt er etwa numerische Zeichen, schreibt unleserliche Buchstaben in fidäl und verwendet arabische Zeichen für die Seitennummerierung, um nur einige Beispiele anzuführen.


Abb. 2. Rücken und vorderer
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Abgesehen von dem äußeren Erscheinungsbild des Manuskripts lässt sich seine Geschichte zum Teil anhand der Notizen auf Vorder- und Rückseite des Vorsatzblattes rekonstruieren (Abb. 3 und 4). Johann Gerhard (1582-1637) war nicht nur ein namhafter lutherischer Theologe und Philologe, sondern auch zeitlebens ein Büchernarr und Büchersammler. Sein Sohn Johann Ernst Gerhard (1621-1668) trat später in die Fußstapfen seines Vaters und wurde wie er Professor der Theologie in Jena. Hier sammelte er eine so große Zahl von Manuskripten, dass die Sammlung ins Kollegiengebäude der Universität überführt werden musste und dort, ihrer Zeit voraus, als Leihbibliothek diente. Monat und Jahr der eingangs genannten Notiz, Februar 1668, entsprechen, wohl eher zufällig, genau der Zeit, als Johann Ernst Gerhard verstarb. Johann Dieckmann (1647-1720) studierte zu der Zeit in Jena und wurde später ein bekannter Theologe und Wissenschaftler, dessen Interesse wie das des jüngeren Gerhard insbesondere der Orientalistik galt. Wie das Büchlein nach Hamburg gelangte, ist unklar. Im Jahr 1678 wurde die Sammlung an Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1646-1691) verkauft.

Die Notizen auf dem Vorsatzblatt des Manuskripts geben noch weitere Hinweise. Der Leser erfährt, dass der Inhalt des Manuskripts von einem gewissen Ludolf in dessen Werk „Commentarius ad Historiam Aethiopicam“ zitiert wurde (Abb. 4). Edward Ullendorff (1920-2011), ein herausragender Äthiopist, nannte Hiob Ludolf (1624-1704) den „berühmtesten Namen in der äthiopischen Gelehrsamkeit“. Nebenbei bemerkt wurde auch das Zentrum für Äthiopistik der Universität Hamburg nach ihm benannt. Was unser Manuskript anbelangt, so war Ludolf der erste Wissenschaftler, der nicht nur seinen Inhalt untersuchte, sondern sich auch der Erforschung äthiopischer „magischer“ Manuskripte im Allgemeinen widmete. Er klassifizierte das Manuskript als ṣälotä rәqet, „Gebet für die Dämonenaustreibung“, dieser Titel wird jedoch nicht mehr verwendet. In einer zusätzlichen, von anderer Hand geschriebenen Notiz heißt es überdies: „est vero oratio magica“ („ist aber ein magisches Gebet“). Von derselben Hand stammt vielleicht auch der Titel auf dem Rücken des Einbands: „Oratio magica Aethiopica“ (Abb.2).

Schließlich erinnern der Inhalt und das äußere Erscheinungsbild des Manuskripts an die sogenannten “ Däbtära-Notizbücher”. Däbtära sind in der Regel ungeweihte äthiopische Geistliche, die für ihre „magischen” Praktiken bekannt sind. Sie besitzen häufig kleinformatige Manuskripte mit Kräuterrezepten, Gebeten und Grammatikübungen, um nur einige zu nennen. Warum nun schrieb Johann Dieckmann aus Stade den Text eines solchen Manuskripts ab? Nennenswert ist hier die Tatsache, dass die Notizen aus den Gründerjahren der Äthiopistik in Europa stammen, einer Zeit, in der viele lutherische Gelehrte Interesse an der Orientalistik hatten. Auch wenn die Notizen in diesem Manuskript erste Antworten auf unsere Fragen zu dessen Herkunft geben, so bleiben doch manche offen, etwa die nach Herkunft und Verbleib der Vorlage.


Abb. 3. Fol. 1r, Notiz 1: Sum Johannis
Diecmanni Stadensis. Qui Jenae Mense
Februario anni MDCLXVIII. Ex. Biblioth.
Gerhardina descripsit
, d.h. „Ich gehöre
Johann Dieckmann aus Stade. Der [mich]
im Februar 1668 in der Bibliotheca
Gerhardina in Jena abgeschrieben hat.”
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Abb. 4. Fol. 1v, Notiz 2: Varia loca ex
hoc libello Aethiopico exhibet Ludolf.
Comm. in. Hist. Aeth.p.349,350. est
vero oratio magica
, d.h. „Verschiedene
Abschnitte aus diesem äthiopischen
Büchlein stellt Ludolf im Kommentar
zu seiner Ausgabe der Geschichte
Äthiopiens
vor, S. 349, 350. ist aber
ein magisches Gebet” (vermutlich von
einer anderen Hand).
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Abb. 5. Fol. 131v, Ende des Textes
„Buch der (‚magischen‘) Namen“.
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References

KAPLAN, Steven (2005): „Däbtära”. In: Uhlig, Siegbert (Hrsg.): Encyclopaedia Aethiopica. Bd. 2. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, S. 53-54.

LUDOLF, Hiob (1691): Ad suam historiam aethiopicam antehac editam commentarius. Frankfurt: J.D. Zunner für M. Jacquet.

MEYER, Marvin (2003): „The Prayer of Mary and the Magical Book of Mary and the Angels”. In: Noegel, Scott u.a. (Hrsg.): Prayer, Magic and the Stars in the Ancient and Late Antique World. Pennsylvania: Pennsylvania State University Press, S. 57-68.

SCHMELING, Gaylin R. (Hrsg.) (2008): Sacred Meditations. Michigan: Magdeburg Press.

UHLIG, Siegbert (2007): „Ludolf, Hiob”. In: Uhlig, Siegbert (Hrsg.): Encyclopaedia Aethiopica. Bd. 3. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, S. 601-603.

ULLENDORF, Edward (1973): The Ethiopians: An Introduction to Country and People. London: Oxford University Press.


Kurzbeschreibung
Signatur Cod. Orient 274,
Oratio magica Aethiopica
Papier, 116 Blätter, 10.5 x 8.5 cm
17. Jahrhundert
Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg




Text von Gidena Mesfin Kebede