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Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC)

10/2013 manuscript des monats


Ein Tonmanuskript mit Keilschriftzeichen aus sehr verschiedenen Zeiten

Eine Tontafel, die im 7. Jahrhundert v. Chr. beschrieben wurde, enthält eine Standardliste mit Keilschriftzeichen, die zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. verwendet wurden, sowie deren archaische Formen, die vermeintlich Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. in Gebrauch waren. Was veranlasste einen Schreiber im 1. Jahrtausend v. Chr., derart alte Zeichen zu verwenden?

Diese Tontafel ist bekannt, weil zwei Fragmente, die 80% der Tontafel ausmachen, erhalten geblieben sind. Die Inventarnummern der beiden Fragmente weisen allerdings darauf hin, dass sie an zwei unterschiedlichen Orten gefunden wurden. Das erste Fragment (ND 4311), aus dem Bestand des Irakischen Nationalmuseums in Bagdad wurde im Jahr 1955 vom Team des Archäologen Max Mallowan (Agatha Christies zweiter Ehemann) in Nimrud, der alten Stadt Kalhu, am oberen Tigris im Irak zusammen mit 300 Tontafeln in den Ruinen des Tempels des Nabû, Schutzgott der Schreiber, gefunden. Diese Bibliothek wurde von dem assyrischen König Adad-nērārī III. (798 v. Chr.) begründet und später von König Assurbanipal (668-627 v. Chr.) vergrößert.
Das zweite Fragment (K. 8520) stammt angeblich aus Kujunjik, dem Hügel der antiken Stadt Niniveh, die 40 km nördlich von Kalhu am Tigris liegt. George Smith (1840-1876), der erste Gelehrte, der die Fluttafel des Gilgamesch-Epos entzifferte, brachte dieses Fragment in das Britische Museum. Wie können zwei Fragmente, die angeblich von zwei verschiedenen Orten stammen, zu ein und demselben Manuskript gehören? George Smith war mehrmals zwischen 1873 und 1876 in Niniveh und besuchte auch Kalhu, wo er mehrere historische Texte fand. Die Tontafeln, die er nach London brachte, waren zusammengepackt worden, bevor sie in das Britische Museum gelangten und dort Inventarnummern erhielten. Sie wurden alle mit dem Buchstaben „K“ gekennzeichnet, was nahelegt, dass sie einer Ausgrabung in Kujunjik (Niniveh) entstammten.


Abb. 1: Reproduktion von ND 4311 + K. 8520, Vorder- und Rückseite (gemäß Michel 2011, S. 248, Fotomontage: Martine Esline) > Enlarge

Die Tontafel, die vermutlich im 7. Jahrhundert v. Chr. beschrieben wurde, enthält eine Liste mit Keilschriftzeichen, die unter der Herrschaft von Hammurabi von Babylon (18. Jahrhundert v. Chr.) im Gebrauch waren, mit sowie ihnen entsprechende Formen, wie man sie für die Zeit der Entstehung der Schrift annahm. Die Schrift kam etwa 3400 v. Chr. im Süden Mesopotamiens auf und ähnelte einer Abfolge von mehr oder weniger figurativen Bildzeichen, die Wörtern entsprachen (Piktogrammen). Da die Zeichen auf feuchten Ton geschrieben wurden, den man später in der Sonne trocknete, entwickelten sich eckigere Formen, die wie zusammengewürfelte Keile aussahen – daher die Bezeichnung „Keilschrift“. Dieser Schrifttypus wurde mehr als drei Jahrtausende lang im gesamten Nahen Osten für ein Dutzend verschiedener Sprachen verwendet. Die sumerische Sprache wurde am Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. mit Logogrammen (Zeichen, die ein Wort repräsentieren) geschrieben. Für das Akkadische, eine semitische Sprache, wurde eine weiterentwickelte Form der sumerischen Zeichen entliehen, die für Silben verwendet wurden (Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr.). Der Text auf unserer Tontafel gehört zur Kategorie der Syllabare (Liste von Zeichen, die Silben entsprechen) und der lexikalischen Texte, die mesopotamische Schreiber als Schultexte verwendeten. Dieses Manuskript enthält eine Liste von Zeichen, die dem Syllabar „A“ folgen (beginnend mit „A“ = „Wasser“ in der sumerischen Sprache), wie es seit der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. verwendet wurde. Die Abfolge der Zeichen richtet sich nach deren graphischer Form, phonetischer Permutation, semantischer Assoziierung und sogar nach der lautlichen Ähnlichkeit ihrer Übersetzung ins Akkadische. Das bedeutet, dass spätere Listen nicht länger die Reihenfolge der sumerischen Vorgänger dieser Zeichen aufwiesen. Diese Tontafel ist, ähnlich wie unsere Buchseiten, die dritte einer Reihe von vier Tontafeln des Syllabars „A“.


Abb. 2: Abbildung des Fragments ND 4311 von D. J. Wiseman, veröffentlicht in Wiseman / Black 1996, CTN IV, Nr. 229 > Enlarge

Solche Listen waren sehr hilfreich beim Erlernen der Keilschrift und wurden von Schülern auswendig gelernt und niedergeschrieben. Die Verwendung sehr alter Zeichen deutet jedoch darauf hin, dass diese Tafel nicht für den Unterricht, sondern von einem gebildeten Gelehrten beschrieben wurde, der von der langen Geschichte der Keilschrift fasziniert war und alte Texte untersuchen wollte. Das Manuskript beinhaltet in der Tat zwei verschiedene Arten dieser Schrift, die mehr als ein Jahrtausend trennt. Die Zeichen sind auf jeder Seite in vier Spalten angeordnet (drei dieser Spalten sind zu sehen), wobei wiederum jede Spalte in zwei geteilt ist: auf der linken Seite wurden mit Hilfe eines spitzen Geräts Piktogramme in den Ton geritzt, während auf der rechten Seite mit der Kante einer Rohrfeder Keilschriftzeichen eingedrückt wurden.
Was veranlasste den Schreiber, dieses Manuskript anzufertigen? Um diese Frage beantworten zu können, ist es wichtig, herauszufinden, ob die Liste das Ergebnis einer sorgfältigen historischen Untersuchung war oder ob es sich bei den auf die Tontafel gezeichneten Piktogrammen lediglich um Produkte der Vorstellungskraft des Schreibers handelte. Vergleicht man die Piktogramme unseres Manuskripts mit den Zeichen auf archaischen, in Uruk (im Süden von Mesopotamien) gefundenen Tafeln, die auf das Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. datieren, ist eine gewisse Ähnlichkeit festzustellen; sie sind jedoch in den meisten Fällen spiegelverkehrt, so dass die entsprechenden Lesungen systematisch falsch sind. Sie wirken eher wie ein spekulatives Bild dessen, wie die alten Zeichen ausgesehen haben könnten. Vielleicht hatte unser Schreiber Zugang zu alten Originalen, die er nicht verstand. Oder er stellte sich einfach die ursprüngliche Form und Bedeutung der Schrift vor, die er geerbt hatte und in seiner täglichen Arbeit verwendete. Jahrhundertelang kopierten Schreiber alte historische, literarische oder wissenschaftliche Texte, um sie in Bibliotheken aufzubewahren, und passten diese gelegentlich an ihre eigenen Normen an. Da ihnen bewusst war, dass das von ihnen verwendete Schriftsystem das Ergebnis einer langen Entwicklung war, versuchten einige Gelehrte im ersten Jahrtausend v. Chr. – wie der Schreiber dieser beiden Fragmente – daher, die älteste Form der Zeichen wiederzufinden. Sie erfanden diese einfach neu und verwendeten sie, so als wären sie ihre eigenen Schriftzeichen. Eine andere Tontafel aus demselben Zeitraum bezeugt sogar den Versuch, einen falschen historischen Text mit solchen erfundenen Zeichen niederzuschreiben!


Abb. 3: Reproduktion (in rotem Ton) des Fragments ND 4311 von C. Michel, Vorder- und Rückseite
(April 2010; Foto: Martine Esline) > Enlarge

Literatur

CAVIGNEAUX, Antoine (1983): „Lexikalische Listen A”. In: Reallexikon der Assyriologie, 6, 609-641.

MALLOWAN, Max E. L. (1966): Nimrud and its remains, Bd. 1, London: Collins.

MICHEL, Cécile (2011): „Une liste paléographique de signes cunéiformes. Quand les scribes assyriens s’intéressaient aux écritures anciennes…”. In: F. Wateau (Hrsg.), in Zusammenarbeit mit C. Perlès & Ph. Soulier: Profils d’objets, Approches d’anthropologues et d’archéologues, Colloques de la Maison René-Ginouvès 7, Paris: De Boccard, 245-257. (http://halshs.archives-ouvertes.fr/halshs-00781406)

WISEMAN, Donald. J. / BLACK, Jeremy. A. (1996): Literary Texts from the Temple of Nabû, Cuneiform Texts from Nimrud (CTN) IV, Oxford: British School of Archaeology.


Kurzbeschreibung
Zwei Fragmente einer ungebrannten Tontafel mit Piktogrammen und Keilschriftzeichen
Maße: ND 4311 (IM 59264) : 11 × 7.5 cm und K. 8520 : 13.3 × 7.6 cm
Herkunft: Bibliothek des Nabû-Tempels, Kalhu (heutiges Nimrud, Irak)
Aufbewahrungsort: K. 8520: British Museum (London) und ND 4311 (IM 59264): Irakisches Nationalmuseum (Bagdad)
Mutmaßliche Entstehungszeit: 8. oder 7. Jh. v. Chr.


Text von Cécile Michel, CNRS, Histoire et Archéologie de l’Orient Cunéiforme (UMR 7041),
Nanterre, Frankreich.
©: Abb. 1+3: Martine Esline Abb 2: D.J. Wiseman