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Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC)

11/2013 manuskript  des monats


Wieso benutzt man die nicht mehr gebräuchliche arabische Swahili-Schrift?

Mehr als ein halbes Jahrhundert nachdem man die Benutzung der arabischen Schrift für das Schreiben in Swahili entweder für den offiziellen Gebrauch verboten (1902 in Deutsch-Ostafrika) oder wie die Briten an den Rand gedrängt hatte (1920 in Tanganyika Territory), wurde ein Swahili-Tafsir (Kommentar) zu den ersten sechs Suren (Kapitel) des Korans in eben dieser Schrift niedergeschrieben. Was bewog Anfang der 1950er Jahre Scheich Ali Hemed Abdallah Said Abdallah Masudi Al-Buhry (1889 1957), den Autor und Schreiber des Manuskripts, zu dem Entschluss, eine nicht mehr gebräuchliche Schrift zu benutzen, zu einer Zeit, als es nur noch wenige Personen gab, die diese Schrift lesen konnten?


Abb. 1 Scheich Ali Al-Buhrys MS mit 402 Seiten Kommentar (tafsir) zu den ersten
sechs Kapiteln des Heiligen Korans > Vergrößerung

Das Manuskript umfasst 402 Seiten eines leinengebundenen Buches im Kanzleiformat (20 x 32 cm) wie es Regierungsstellen in Tanganjika üblicherweise für ihre Geschäftsbuchführung benutzten. Auf jeder Seite ist mit dunkelblauer Tinte ein rechteckiger Rahmen gezogen, der den fortlaufenden vokalisierten Text ohne jegliche Wortgrenzen umschließt. Der Text wird nur selten von irgendwelchen Lücken unterbrochen und enthält kaum Satzzeichen. Auf der Rückseite eines jeden Blattes ist unten, außerhalb des Rahmens, jeweils ein Stichwort platziert, das das erste Wort der folgenden Seite angibt. Die Seiten sind oben mit roten arabischen Zahlen nummeriert, welche sich außerhalb des Rahmens befinden, in der Mitte zwischen dem Wort juzuu (Teil) rechterseits und dem Namen der Sure (Kapitel) linkerseits.

Der gesamte Text ist in Scheich Alis sehr sauberer, enger und schöner Handschrift geschrieben und enthält nur wenige Korrekturen oder Fehler. Das originäre koranische Arabisch ist mit roter Tinte geschrieben, direkt gefolgt von Erläuterungen der arabischen Begriffe oder Formulierungen in Arabo-Swahili (Swahili in arabischer Schrift) in dunkelblauer Tinte. Eine kurze Einführung auf der zweiten Seite erläutert, dass der Text in Kimrima verfasst ist, der Varietät des Swahili, die an der Küste von Tanganjika – dem zeitgenössischen Festland-Tansania – mit Tanga als Zentrum, gesprochen wird (vgl. Abb. 2). Laut dem Kolophon auf der letzten Seite wurde die Niederschrift des Werks am Freitag, den 7. Januar 1957 abgeschlossen.

Das Manuskript befindet sich im Besitz von Herrn Zuheri Ali bin Hemed Al-Buhry (geb. 1944), einem pensionierten Fluglotsen, der in Tanga lebt. Er entdeckte es in einer von seinem verstorbenen Bruder Scheich Muhammed Ali (1927-1995) behüteten Büchersammlung, welche Teil einer größeren Sammlung war, die einstmals ihrem Vater gehört hatte, bevor sie sich auflöste.

Am 10. Rajab 1429 AH (14. Juli 2008 AD) begann Herr Zuheri, den Swahili-Text aus der arabischen in die lateinische Schrift zu transkribieren, wobei er das originäre koranische Arabisch, eingefügt in roten Klammern, unverändert bewahrte (vgl. Abb. 3).


Abb. 2: Seite 2 von Scheich Ali Al-Buhrys
Manuskript mit einer Einführung und
tafsir zu Suratul Faatihah
> Vergrößerung

Abb. 3: Seite 1 von Zuheri Alis MS mit
seiner Transkription der S. 2 des tafsirs
seines Vaters > Vergrößerung

Abb. 4 Seite 1 von Zuheri Alis Schreib-
maschinenmanuskript mit seiner
Transkription der S. 2 des tafsirs seines
Vaters > Vergrößerung


Nachdem Scheich Abdulahi Nassir aus Mombasa, einst Besitzer eines heute nicht mehr existierenden Verlags und ehemaliger Direktor der Oxford University Press in Nairobi, dieses in akribischer Kleinarbeit geschaffene Werk gesehen hatte, wollte er, dass es publiziert würde. Seitdem arbeitet Herr Zuheri an einem Schreibmaschinenmanuskript, wobei er sich einer „Copy & Paste“-Strategie bedient, um die aus Fotokopien ausgeschnittenen, ursprünglichen koranischen Texte einzufügen, dabei aber weiterhin die roten Klammern um sie herum beibehält, wozu er das rote Farbband der Schreibmaschine benutzt (vgl. Abb. 4).

Scheich Ali Hemed Al-Buhry, der Verfasser und Schreiber des Original-Manuskripts, war von 1921 bis 1935 der letzte qadhi (muslimischer Richter) unter britischer Herrschaft. Einige seiner anderen Schriften erschienen im Druck. Er veröffentlichte ein Swahili-Buch in arabischer Schrift über tawhid (das Einssein) und fiqh (islamische Rechtslehre) in der Handschrift seines Bruders, Juma Hemed, das um 1925 in Indien photolithographisch gedruckt wurde. Seine Veröffentlichungen in lateinischer Schrift umfassen ein Buch über islamisches Erbrecht (1923), eine Artikelreihe über die Geschichte der Swahili-Küste in der Zeitung Mambo Leo (1934-36) und eine Kritik (1954) eines Swahili-Tafsirs, der ein Jahr zuvor in Nairobi veröffentlicht worden war. Weitere von ihm verfasste Manuskripte existieren an verschiedenen Orten. Sie sind überwiegend in arabischer Sprache und behandeln unterschiedliche islamische Wissenschaften wie Mathematik, Astronomie und Geomantik.

Die Familie Al-Buhry war lange Zeit eine der führenden Literaten- und Gelehrtenfamilien der Küste. Scheich Ali war der Sohn des Dichters, Heilers und Wahrsagers Hemed Abdallah Al-Buhry (ca. 1840-1928), des Verfassers des bekannten utendi (Gedicht) „Das Epos vom Krieg der Deutschen, um die Mrima-Küste in Besitz zu nehmen“, über den Kampf gegen die deutsche Besetzung der tanganjikanischen Küste. Ein Manuskript (c. 1930) dieser 632 Strophen langen Versdichtung befindet sich in der „Allen Collection“ in der Bibliothek der Universität von Daressalam (vgl. Abb. 5).


Abb. 5: Vers 47 von „Vita vya Wadachi“, MS 2/2, Allen 1970: 3. „Allen Collection“, Daressalam
> Vergrößerung, mit interlinearer Transliteration, Transkription & Übersetzung

Obwohl das Tafsir-Manuskript in Herrn Zuheris Sammlung in Tanga relativ neuen Datums ist, weist es hervorstechende Merkmale der Swahili-Manuskriptkultur auf: die Herstellung durch ein Mitglied eines großen Familiennetzwerks, der wissenschaftliche Gebrauch beider Sprachen, Swahili und Arabisch, der nicht nur durch diesen einen Text, sondern auch durch andere Werke der noch erhaltenen Sammlung belegt ist, die Benutzung in Madrassen (islamische Schulen) mit dem Ziel der Überlieferung von islamischem wissenschaftlichem und religiösem Wissen und die Herstellung und Bewahrung wegen der den Manuskripten innewohnenden göttlichen Kraft. Der äußeren Erscheinung nach zu urteilen, scheint Letzteres die Hauptabsicht des Verfassers gewesen zu sein - eine Folge der jahrelangen Lehrtätigkeit in Madrassen, allerdings nicht als Unterrichtsmaterial, sondern als ein heiliges Buch, geschrieben in einer Schrift, die vom Verfasser als die beste angesehen wurde, obwohl die Mehrheit der führenden Politik sie zu jener Zeit als subversiv ansah.


Literatur

AL-BAHRY, Ali Hamid Abdal Saed (1344 AH): Kitaab Hajatul-Insan fil-Islam wal-Iman. Faizabad: Nidhamy.

ALI BIN HEMEDI, Sheikh (1954): Taarifu juu ya Tafsiri ya Wakadiani. Mombasa: Adam Traders.

ALI ZUHERI ALI: http://alibinhemed.blogspot.de/

ALLEN, J. W. T. (1959): „The Collection of Swahili Literature and Its Relation to Oral Tradition and History“. In: Tanganyika Notes and Records 1959. (Ed. E. H. Leslie). Dar es Salaam.

ALLEN, J. W. T. (1970): The Swahili and Arabic manuscripts and tapes in the library of the University College of Dar-es-Salaam – a catalogue. Leiden: Brill, viii.

BUHRIY, Hemedi bin Abdallah (1955): „Utenzi wa Vita vya Wadachi Kutamalaki Mrima1307 A.H. – The German Conquest of the Swahili Coast, 1891 AD”. In: Journal of the East African Swahili Committee 25, Supplement.

EL BUHURI, Sheik Ali bin Hemedi (1923): Mirathi – A Handbook of the Mohamedan Law of Inheritance with Appendices on Wills and Gifts and an Introduction, Translation and Notes / Mirathi – Muktasari ya Sheria ya Islam Juu ya Mirathi, Wasiya na Hibba. Nairobi.

EL-BUHURIY, Sheikh Ali bin Hemedi (1934-36): „Habari za Mrima“. In: Mambo Leo 12 (1934), (141): 143-145; (144): 192-193; 13 (1935), (145): 6; (146): 22; (147): 40, 42; (156): 190; 14 (1936), (157): 6; (158): 26. [xx].

SAMSOM, Ridder (2011): „Swahili Manuscript Culture / Die Swahili Manuskriptkultur“. In: Manuscript Cultures. Newsletter No. 4. Hamburg: Centre for the Study of Manuscript Cultures, 68-77.

ZHUKOV, A (2004): „Old Swahili-Arabic Script and the Development of Swahili Literary Language“. In: Sudanic Africa 15, 1-15. http://www.hf.uib.no/smi/sa


Beschreibung
Private Sammlung im Besitz von Herrn Zuheri Ali H. Al-Buhry, 27.08.2012, Tanga (Tansania)
Buch im Kanzleiformat, Papier 20 x 32 cm
402 Blätter tafsir, beidseitig beschrieben in koranischem Arabisch und Swahili in arabischer Schrift
Tanga (Tansania), zwischen ca. 1950 und 1957



Text von Ridder H. Samsom
© für Abb. 1-4: Zuheri Ali, Tanga, Abb. 5: Bibliothek, Universität von Daressalam