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Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC)

03/2014 manuskript  des monats


Die älteste datierte sundanesische Handschrift:

Eine Enzyklopädie aus West-Java, Indonesien

Aus der vorislamischen Manuskriptkultur des sundanesischen Sprachraums in West-Java sind heute nur noch ca. 100 Dokumente erhalten. Die vorliegende Handschrift wurde in der für in dieser Tradition stehende heilige Texte, und überhaupt für altjavanische Texte, typischen verschnörkelten Schrift mit schwarzer Tinte auf Blättern der Gebang-Palme (Corypha gebanga) niedergeschrieben. Sie enthält die „Heiligen Gebote der Einsiedler für die Lebenswelt“ (Saṅ Hyaṅ Siksa Kandaṅ Karəsian) und ist eines der bedeutendsten Dokumente in Altsundanesisch. Es handelt sich um eines von nur sechs Manuskripten in dieser Sprache, die nicht die sundanesische Schrift verwenden. Niedergeschrieben 1518 AD, ist es die einzige altsundanesische Handschrift, die eine Datierung enthält. Die physischen Merkmale des Manuskripts werfen Licht auf die Tradition der Handschriftenherstellung im präkolonialen West-Java. Ihr Inhalt wirft ein interessantes Licht auf das soziale Leben jener Zeit. Welche konkreten Aspekte sind es, die dieses Manuskript so interessant machen?

Das bevorzugte Schreibmaterial im vorislamischen Indonesien waren Palmblätter. In jenen Teilen des Archipels, in denen Formen des Hinduismus und Buddhismus blühten, die in späteren Jahrhunderten aber zum Islam konvertierten, wurden nur sehr wenige Handschriften aus der vorislamischen Periode bewahrt. Aus der sundanesisch-sprachigen Region West-Javas haben nur ca. 100 solcher Handschriften dem Zahn der Zeit trotzen können. Das vorliegende Exemplar ist Teil einer Handschriftensammlung, die der berühmte javanische Maler Raden Saleh (1811-80) der Batavischen Gesellschaft der Künste und Wissenschaften zum Geschenk machte. Es gibt keine sichere Information darüber, wo er diese Handschriften gesammelt hat, aber es wird vermutet, dass sie aus der Region Galuh, dem östlichen Teil West-Javas, stammen. In den Fällen, in denen wir über Informationen über die Herkunft verfügen, wissen wir, dass diese alten Manuskripte nach der Islamisierung in entlegenen Bergeinsiedeleien aufbewahrt wurden. Dass wir etwas über die vorislamische Manuskriptkultur der Region lernen können, zu deren Produkten auch diese Handschrift gehört, verdanken wir Generationen westjavanischer Muslime, die die Erbstücke ihrer heidnischen Vorfahren achteten und pflegten.


Abb . 1: NLI L 630, peti 16 im Behälter; Seitenansicht > Vergrößerung

Das Manuskript liegt in einem genau auf die Maße der Palmblätter zugeschnittenen flachen Holzkästchen. Die Vorderseite des ersten Blattes ist leer. Die übrigen Blätter enthalten auf jeder Seite vier Textzeilen, mit einem Schnurloch in der Mitte eines jeden Blattes, das den Text in zwei rechteckige Textabschnitte teilt. Der hölzerne Behälter selbst ist an den entsprechenden Stellen ebenfalls gelocht. Zurzeit sind die Blätter nicht durch eine Schnur miteinander und mit dem Kästchen verbunden. Am äußersten Rand jeder Blattseite befinden sich, genau zwischen den Zeilen 2 und 3, kleine zusätzliche Löcher. Diese wurden möglicherweise während der Herstellung der Blätter durch irgendein Pressverfahren in die Blätter gestanzt.

Nach dem ersten unnummerierten Blatt sind die übrigen Blätter mit Zahlen im regionalen „arabischen“ Stil nummeriert, wobei die Blattnummer, die jeweils am linken Rand der Rückseite eines Blattes platziert ist, am linken Rand und nicht an den Textzeilen ausgerichtet ist. Obwohl es nur 29 Blätter sind, erstreckt sich die Nummerierung von 1 bis 39: die Zahlen 21-31 fehlen, vermutlich nicht, weil Blätter verlorengegangen sind, sondern aufgrund eines Schreibfehlers, denn zwischen den Blättern 20 und 32 gibt es keinen Bruch im Text.


Abb. 2: NLI L 630, peti 16 im Behälter, mit einer geöffneten Seite > Vergrößerung

Der Titel des Textes lautet „Heilige Gebote der Einsiedler für die Lebenswelt“ (Saṅ Hyaṅ Siksa Kandaṅ Karəsian). Die Bedeutung des Titels ist leider schwer zu erschließen, zumal der Fokus des Textes eben nicht auf der Lebensweise der Einsiedler liegt. Der Text beginnt mit den Worten: „Dies ist die Lehre des Meisters, der nach dem Guten strebt“, und fährt dann fort zu lehren, wie jemand, der diesen Grundsätzen folgt, ein langes Leben, bleibenden Wohlstand, gute Erträge bei Ackerbau und Viehzucht sowie siegreiche Kämpfe erlangen kann. Im Wesentlichen beschreibt der Text verschiedene Aspekte des Alltagslebens in West-Java um die Zeit des 15. Jahrhunderts herum. Unter den vielen interessanten Passagen findet sich auch eine Liste fremder Länder und ihrer Sprachen, was ein Beleg dafür ist, dass die Sundanesen jener Zeit Kontakte zu fernen Ländern pflegten, einschließlich Kontakten mit Ägypten und dem islamischen Heiligen Land (Mekka), aber auch mit Persien, Indien (Bengalen, Vijayanagara) und China. Ein weiterer interessanter Aspekt dieses westjavanischen Textes besteht in seiner Teilhabe am Synkretismus von (shivaitischem) Hinduismus und Buddhismus, der auch als ein Merkmal der späten vorislamischen religiösen Kultur in anderen Regionen Javas gilt. Auffällig ist, dass in beiden relevanten Textpassagen der Buddha der hinduistischen Gottheit Shiva untergeordnet ist.


Abb. 3: Die Vorderseite eines Blattes von NLI L 630, peti 16 im Behälter. > Vergrößerung

Ein beträchtlicher Teil der erhaltenen Handschriften aus der vorislamischen Periode des sundanesisch-sprachigen West-Java ist nicht in der einheimischen Sprache geschrieben, sondern in Altjavanisch. Aber nicht nur, dass hier zwei zwar verwandte, aber doch verschiedene Sprachen benutzt wurden, für die Niederschrift benutzte man in dieser Manuskriptkultur auch zwei unterschiedliche Schriften. Beide Sprachen konnten und wurden entweder mit „sundanesischen Schriftzeichen“ (aksara sunda), welche man niemals außerhalb der sundanesisch¬sprachigen Region angetroffen hat, oder mit sogenannten „buddhistischen Schriftzeichen“ (aksara buda), auch „Berg-Schriftzeichen“ (aksara gunung) genannt, geschrieben. Aksara sunda werden mit einem Stift in die Blätter der Lontar-Palme geritzt und anschließend eingefärbt. Aksara buda/gunung hingegen werden mit einer Art Füller auf die Blätter der Gebang-Palme geschrieben. Und während die erstgenannten Manuskriptarten im Allgemeinen zum Schreiben in sundanesischer Sprache benutzt wurden, verwendete man die letztgenannten für das Altjavanische. Die vorliegende Handschrift, welche in altsundanesischer Sprache, in aksara buda/gunung und auf Gebang-Palmblättern geschrieben ist, stellt eine seltene Ausnahme zu diesem Muster dar.


Abb. 4: Rückseiten von sechs Blättern (Nr. 32-37) von NLI L 630,
peti 16 > Vergrößerung

Weltweit sind heute nur etwa 30 Gebang-Manuskripte bekannt. Als ein Exemplar dieser Kategorie an sich schon eine Rarität, ist dieses Manuskript darüber hinaus absolut einmalig, weil es sich um die einzige sundanesische Handschrift mit einer vollständigen Datierung handelt. Das Datum ist im Kolophon am Ende des Textes enthalten, auf einem Blatt, welches bedauerlicherweise zurzeit verschollen ist, das aber zumindest bis zum Jahr 1867, als K. F. Holle dieses Manuskript beschrieb und 31 Blätter zählte, noch vorhanden war. Gegenwärtig sind nur noch 29 erhalten und es ist außerordentlich bedauerlich, dass zu den in der Zwischenzeit verlorengegangenen Blättern auch jenes mit dem Kolophon gehört. Holles Beschreibung berichtet uns, dass das Kolophon mit einer für Indonesien typischen Datierungsformel endet, nämlich mit einem Chronogramm, welches ein Jahr symbolisch durch eine Wortfolge ausdrückt, in der jedes Wort sowohl einen wörtlichen als auch einen symbolischen Zahlenwert besitzt, angeordnet in aufsteigender Reihenfolge des Dezimalstellenwerts: „null“ (0) „vier“ (4) „Meere“ (4) „Mond“ (1), d.h. das Jahr 1440 der Śaka-Zeitrechnung, welches dem Jahr 1518 AD entspricht.




Literatur

• Zwei moderne Exemplare des Manuskripts in lateinischer Schrift befinden sich in der Indonesischen Nationalbibliothek (cod. Plt. 131, peti 119; No. 263, peti 89).
• Ein weiteres prä-modernes Exemplar des gleichen Textes ist in einem Lontar-Manuskript erhalten (Indonesische Nationalbibliothek: cod. L 624 peti 69).


ADITIA GUNAWAN (2009): Sanghyang Sasana Maha Guru dan Kala Purbaka; suntingan dan terjemahan. Jakarta: Perpustakaan Nasional Republik Indonesia.

ADITIA GUNAWAN (in Kürze erscheinend): „Nipah or Gebang? A philological and codicological study based on sources from West Java.“ In: Bijdragen tot de Taal-, Land- en Volkenkunde.

ATJA & SALEH DANASASMITA (1981): Sanghyang Siksakanda ng Karesian (naskah Sunda Kuno tahun 1518 Masehi) . [Bandung:] Proyek Pengembangan Permuseuman Jawa Barat.

HOLLE, Karel Frederik (1867): „Vlugtig berigt omtrent eenige lontar-handschriften, afkomstig uit de Soenda-landen, door Raden Saleh aan het Bataviaasch Genootschap van K. en W. ten geschenke gegeven, met toepassing op de inscriptiën van Kwali.“ In: Tijdschrift voor Indische Taal-, Land- en Volkenkunde 16, 450–70.

KUNTARA WIRYAMARTANA, Ignatius (1993): „The scriptoria in the Merbabu-Merapi area.“ In: Bijdragen tot de Taal-, Land- en Volkenkunde 149, no. 3 (Manuscripts of Indonesia), 503–509.

NOORDUYN, Jacobus. (1971): „Traces of old Sundanese Ramayana tradition.“ In: Indonesia 12,151–58.


Beschreibung

Indonesische Nationalbibliothek (NLI)
Signatur: L 630 Peti 16.
Beschreibstoff: Blätter der Gebang-Palme (Corypha Gebanga)
Umfang und Maße: 29 Blätter, 35×3.5 cm, mit jeweils vier Textzeilen auf beiden Seiten
Herkunft: West-Java, Indonesien, datiert auf den dritten Monat des Jahres 1440 der Śaka-Ära (d.h. 1518 AD)



Text von Aditia Gunawan (Indonesische Nationalbibliothek, Jakarta) &
Arlo Griffiths (École française d’Extrême-Orient, Jakarta)