last month
next month

Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC)

11/2016 manuskript  des monats


Das Geschenk eines Zauberpriesters

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts reiste der deutsche Missionsarzt Johannes Winkler nach Sumatra, um an der Westküste des Tobasees zu arbeiten. In den zwei Jahrzehnten, die er auf der Insel verbrachte, trug er maßgeblich zum Aufbau des örtlichen Gesundheitssystems bei. Gleichzeitig hegte er ein großes Interesse für die Bräuche der einheimischen Bevölkerung, der Batak. Als der ortsansässige Datu (Zauberpriester) Ama Batuholing Lumbangaol das Missionshospital als Patient aufsuchte, freundeten sich die beiden Männer an. Als Winkler schließlich von Sumatra nach Hamburg zurückkehrte, stattete der Datu ihn großzügig mit Artefakten, Masken, Kalendern und zwei Zauberbüchern aus. Eines dieser Manuskripte soll im Folgenden vorgestellt werden:


Abb. 1: Vorderdeckel
> Vergrößerung

Das Manuskript wurde aus der Rinde des einheimischen Adlerholzbaumes (Aquilaria malaccensis) hergestellt, wie es für die sogenannten Pustaha (abgeleitet aus Sanskrit pustaka „Buch“) der Zauberpriester und ihrer Schüler üblich ist. Das Manuskript besteht aus einem langen Streifen geglätteter Rinde, der als Leporello zu 48 Blättern gefaltet wurde, die beiden Endstücke sind an dicken Holzdeckeln befestigt. Die Blätter haben eine Höhe von 17 bis 19 cm und eine Breite von 8 bis 9,5 cm, die Buchdeckel sind etwas größer. Der vordere Deckel (Abb. 1) ist mit Garn an die Rinde genäht; der hintere Deckel ist angeklebt, weist aber Fadenreste einer früheren Naht auf. Zusätzlich hat der vordere Buchdeckel an beiden Seiten ausgearbeitete Ösen, an denen ein Riemen zum Tragen und Aufhängen befestigt werden kann. Ein um den Umschlag geschlungenes geflochtenes Rattanband hält das Manuskript zusammen. Es ist vollständig illustriert (siehe Abb. 2) und thematisiert verschiedene Arten der Batak-Magie.


Abb. 2: Innenseite des Vorderdeckels; Illustrationen > Vergrößerung

Die Blätter sind bis zur Falz liniert, der Text ist in schwarzer Tinte von links nach rechts geschrieben und in der Sprache der einheimischen Bevölkerung verfasst. Die klassische Batak-Schrift wird Surat Batak genannt. Es ist ein segmentäres Schriftsystem, das zur Familie der Brahmi-Schriften gehört. Jede Konsonant-Vokal-Sequenz bildet eine Einheit, die auf dem jeweiligen Konsonanten basiert, der dazugehörige Vokal kann durch diakritische Zeichen verändert werden. Traditionell lag das Wissen um die Kunst des Schreibens in der Hand der Datu und das jahrhundertealte Schreibsystem wurde ausschließlich für magische, medizinische und divinatorische Texte verwendet. Die Pustaha, die als eine Art Notizbuch die mündliche Wissensvermittlung der Datu an ihre Schüler unterstützten, enthalten oft vermischte Sammlungen von Heilmitteln, Amuletten und Orakeln bis hin zu den schwärzeren Künsten wie der Herstellung von Giften oder der Durchführung von Ritualen bis hin zur Vernichtung des Feindes.


Abb. 3: Zeichnungen in roter und schwarzer
Tinte, die scheinbar Waffen und Schilde zu
repräsentieren scheinen. > Vergrößerung

Das Manuskript, das Winkler von dem Datu erhielt, bietet einen kleinen Einblick in die magischen Bräuche der Batak. So beschreibt es zum Beispiel einen Schutzzauber, der als porsili („ersetzen“) bekannt ist und einen Krieger in der Schlacht ersetzen soll, um diesem so die Flucht aus der Gefahr zu ermöglichen. Der Abschnitt wird von kleinen roten und schwarzen Tintenzeichnungen begleitet, die Waffen und Schilde zu repräsentieren scheinen (Abb. 3).

Das Manuskript beschreibt ferner ein schwarzmagisches Ritual, das Pangulubalang (wörtlich „Oberhaupt der Armee“), eine mächtige, okkulte Kriegswaffe. Der Text veranschaulicht, wie ein Pangulubalang, ein furchterregender Geist, vom Leichnam eines Feindes beschworen wird. Auch wird der schauerliche Herstellungsprozess der magischen Substanz Pupuk aus den Überresten jenes getöteten Feindes erklärt. Diese Substanz kann auf menschliche und tierische Statuen aufgetragen werden, um diese zum Schutz gegen menschliche und dämonische Feinde zu animieren. Um die Wirkkraft vollends zu wecken, müssen spezielle Symbole mit der Substanz auf die Oberfläche von Alltagsgegenständen gezeichnert werden.


Abb. 4: Ein Beispiel für
die Schutzmagie mit den
19 Buchstaben.
> Vergrößerung

Gegen Ende des Manuskriptes gibt der Text Anweisungen zur Pagar surat na sappuku sia, einer Art Schutzmagie, die mit den 19 Buchstaben der Batak-Schrift wirkt. In diesem Teil ist zu jedem Absatz des Textes ein Bild in schwarz oder rot gezeichnet, das eine Gottheit repräsentiert, deren Name von dem jeweiligen Batak-Buchstaben stammt, hier ein Beispiel:

Ahu ma debata ni si Tata di Banua darajahon di halto na marurus,
Si pabungkar tu huta ni musunta

Ich bin der Gott Tata di Banua, gezeichnet auf eine reife Frucht der Zuckerpalme, [werde ich zum] Zerstörer des feindlichen Dorfes. (siehe Abb. 4)


Abb. 5: Der
Buchstabe
„ta“,
siebenfach wiederholt.
> Vergrößerung

Auf das Personalpronomen „ich“ folgt das Wort für „Gott“ mit dem anschließenden Namen der Gottheit (in diesem Satz wurde der Name Tata aus der Wiederholung des Buchstaben ta gebildet) sowie der Anweisung „zu zeichnen“ und dem entsprechenden Ort. Dem Text schließt sich eine siebenfach wiederholte Zeichnung des Buchstaben ta an (siehe Abb. 5). Die nächsten Sätze beginnen mit der gleichen Formel „ich bin die Gottheit“, gefolgt von dem Namen eines Gottes, der aus der Wiederholung unterschiedlicher Batak-Buchstaben besteht, und der den Feind zerstören oder das Dorf beschützen wird.

Obwohl im Norden Sumatras die Batak bis zum heutigen Tag Pustaha haben, ist es sehr schwierig, etwas über die damit verbundenen magischen Traditionen in Erfahrung zu bringen. Sicherlich haben, oder wollten die Menschen mit der Ausbreitung des Protestantismus bis in die innersten Gebiete der Insel ihre mit schwarzer Magie verbundene Vergangenheit vergessen. Gleichzeitig aber glauben sie bis heute daran, dass diese Manuskripte ein Medium für magisches Wissen sind und schreiben den Verlust magischer Kraft in ihrem Territorium der Abwesenheit dieser mächtigen Objekte zu.

Die genauen Umstände der Herstellung dieses Manuskriptes sind unbekannt. Sicher ist nur, dass es älter als Winklers Sammlerinteresse ist. Es war möglicherweise ein Lehrbuch, das der Datu für seine Schüler geschrieben hatte, um die magischen Künste zu lernen. Oder es war eine Auftragsarbeit früherer Missionare, die an den einheimischen Bräuchen interessiert waren. Wie dem auch sei, Johannes Winkler, der deutsche Missionar, erhielt dieses Manuskript als Geschenk von dem batakschen Zauberdoktor Ama Batuholing Lambangaol, der ihn als einen Gleichgesinnten betrachtete.



Literatur

CASPARIS, J. G. de (1975): Indonesian Paleography: A History of Writing in Indonesia from the Beginnings to A.D. 1500. Leiden: Brill.

KOZOK, Uli (2009): Surat Batak: Sejarah Perkembangan Tulisan Batak. Jakarta: Ècole française d’Extrême Orient and Keperpustakaan Populer Gramedia.

MONACO, Giuseppina: Lo studio dei manoscritti Batak, magia offensiva e difensiva. Unveröffentlichte Masterarbeit. L’Orientale in Neapel.

PETERSEN, Helga / KRIKELLIS, Alexander (Hg.) (2006): Religion und Heilkunst der Toba-Batak auf Sumatra – Überliefert von Johannes Winkler (1874-1958). Köln: Rüdiger Köppe.

RICKLEFS, M.C und TEH GALLOP, Annabel (2014): Indonesian Manuscripts in Great Britain: Addenda et corrigenda II. Jakarta: Ècole française d’Extrême Orient, Perpustakaan Nasional Republik Indonesia, Yayasan Pustaka Obor.

TUUK, H. Neubronner van der (1861): Bataksch-Nederduitsch Woordenboek. Amsterdam: F. Muller.

TUUK, H. Neubronner van der (1971): A grammar of Toba-Batak. Übersetzt von Jeune Scott-Kemball. Den Haag: Nijhoff.

VOORHOEVE, Petrus (1961): A catalogue of the Batak manuscripts in the Chester Beatty Library. Dublin: Hodges Figgis & Co. Ltd.

WARNECK, J. (1906): Tobabataksch-Deutsches Wörtebuch. Batavia: Landsrukkrij.


Beschreibung
Manuskript in privater Sammlung
Material: Holz (Deckel); Rinde (folios)
Maße: 17-19 cm × 8-9.5 cm (folios), Deckel gerinfügig größer
Sprache: Toba Batak
Herkunft: Nordsumatra, Indonesien
Datierung: Spätes 19. bis frühes 20. Jahrhundert






Text von Giuseppina Monaco
© für alle Bilder: Helga Petersen
Fotos: CSMC
Zitationshinweis:
Giuseppina Monaco, „Das Geschenk eines Zauberpriesters“
In: Wiebke Beyer, Zhenzhen Lu (Hg.): Manuscript des Monats 2016.11, SFB 950: Hamburg,
http://www.manuscript-cultures.uni-hamburg.de/mom/2016_11_mom.html