last month
next month

Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC)

manuskript  des monats


Einsichten in die Kunst des Krieges:

Die Geschichte eines koreanischen Militärhandbuches

Krieg wird überwiegend mit dem Verlust von Texten assoziiert, doch in vielen Fällen begünstigt er auch deren Entstehung. Infolge der verheerenden japanischen und mandschurischen Invasionen im 16. und 17. Jahrhundert bemühte sich das koreanische Königshaus, seine Armee durch eine Reihe von Reformen und Neuerungen zu stärken. Diese Bestrebungen führten u.a. zur Zusammenstellung und Herausgabe eines Militärhandbuches mit dem Titel Pyŏnghak chinam (Kompass der Militärwissenschaft). Eine kürzlich entdeckte Ausgabe dieses Buches, geschrieben in zwei Sprachen und drei unterschiedlichen Schriftsystemen, bietet einen seltenen Einblick in militärische Ausbildung, Alphabetisierung und Schriftkultur des traditionellen Korea.


Abb. 1: Der Umschlag mit dem hand-
geschriebenen Titel.
> Vergrößerung

Bei dem „Manuskript“ handelt es sich eigentlich um ein mit Holzblöcken gedrucktes Buch, das handschriftliche Notizen und Glossen sowohl auf den bedruckten Seiten als auch auf Deck- und Rückblatt enthält. Es umfasst 119 Folia mit den Maßen 22,5 x 33,5 cm (der bedruckte Bereich der einzelnen Seite misst 22,5 x 18,5 cm). Der dicke Papierumschlag ist gewachst und mit einem eingeprägten Muster aus Lotosblumen verziert (Abb. 1); der Buchblock ist mit einer typisch koreanischen Fünf-Löcher-Bindung versehen. Das Buch befindet sich in gutem Zustand, nur ein paar vereinzelte Wurmlöcher deuten darauf hin, dass seine Pflege (vor allem die äußerst wichtige Trocknung im Frühjahr) zu einem bestimmten Zeitpunkt vernachlässigt wurde. Ursprünglich erworben in den späten 1950ern in Nordkorea (eventuell in einer der letzten privaten Buchhandlungen in Pyongyang), befindet sich das Buch gegenwärtig in einer Privatsammlung in Prag.


Abb. 2: Grafiken von Militärformationen, kwŏn 4, 15b-16a.
> Vergrößerung

Das Buch wurde vom Militärkommando der Region Haesŏ (in der Provinz Hwanghae) im zyklischen Jahr imin publiziert, dem Layout nach entweder 1722 oder 1782. Vermutlich handelt es sich um die Version, die 1796 im Inventar der koreanischen Holzdruckplatten Nup’an ko (Bestandsaufnahme der Druckblöcke) veröffentlicht wurde. Die Haesŏ-Version wurde wahrscheinlich auch für die Erstellung der königlichen Ausgabe verwendet, die 1787 in Auftrag gegeben wurde – mit ihr wurde das Pyŏnghak chinam zu einem der Pflichttexte in der militärischen Staatsprüfung. Da die Haesŏ-Version nur in begrenzter Zahl durch das örtliche Militärkommando publiziert worden war, war das Buch wahrscheinlich nicht weit verbreitet. Nach der Teilung der koreanischen Halbinsel 1945 und der Schließung der Grenzen zwischen den koreanischen Staaten gingen weitere Exemplare (falls noch erhalten) verloren oder verschwanden in nordkoreanischen Archiven. Und da keine nordkoreanische Studie zu diesem Thema die Haesŏ-Version erwähnt, ist das Prager Exemplar möglicherweise das einzige erhaltene. Es gibt mehrere Fassungen des Handbuchs – sowohl ältere als auch jüngere – in südkoreanischen Archiven, diese unterscheiden sich jedoch in Inhalt, Layout und sprachlichen Merkmalen. Neuere Studien haben versucht, die Genealogie der Überlieferung des Textes genau nachzuvollziehen; hierfür wird die Ausgabe des Militärkommandos von Haesŏ wohl wichtige Informationen liefern.


Abb. 3: Kwŏn 1, 2b, der chinesische Text
mit seiner koreanischen Übersetzung sowie
Anmerkungen in literarischem Chinesisch
am oberen Rand; handgeschriebene Notizen
in Kolumnen 1,4,7 (von rechts nach links)
und oben links. > Vergrößerung



Abb. 5: Kwŏn 1, 21b, grammatische
Kugyŏl-Markierungen im chinesischen
Text > Vergrößerung

Allerdings ist der gedruckte Teil nicht der interessanteste Aspekt des Buches. Die handschriftlichen Glossen und Anmerkungen bieten einen faszinierenden Einblick in seinen tatsächlichen Gebrauch und die militärische Literaturkultur der späten Chosŏn-Dynastie (1392-1910). Der chinesische Originaltext des Pyŏnghak chinam basiert auf den Werken des chinesischen Strategen und Generals Qi Jiguang (1522-1582) und wurde im frühen 17. Jahrhundert den koreanischen Gegebenheiten angepasst. Der komplizierte Text – sehr technisch und teilweise im umgangssprachlichen Chinesisch der einfachen chinesischen Soldaten formuliert – wurde von koreanischen Militärbeamten benutzt, die hauptsächlich in literarischem Chinesisch geübt waren. Das Handbuch war für sie wahrscheinlich nicht leicht zu verstehen. Obwohl alle koreanischen Absolventen der Militärprüfung Kenntnisse in literarischem Chinesisch haben sollten, lässt die große Anzahl der Witze und Anekdoten über ihre sogenannten „literarischen“ Fähigkeiten darauf schließen, dass ihr körperliches und militärisches Können nicht immer von ebenso brillanten intellektuellen Fähigkeiten begleitet wurde. Die erste gedruckte Ausgabe des Pyŏnghak chinam des 17. Jahrhunderts enthielt daher auch eine koreanische Übersetzung, geschrieben im koreanischen Alphabet, die zu dem chinesischen Text des ersten und später auch des zweiten Abschnitts des Buches (kwŏn, oder „Teilband“) hinzugefügt wurde. Der dritte und vierte Teil, die beide Illustrationen von Militärformationen zeigen (Abb. 2), sowie der fünfte Teil, der sich mit der Ausbildung von Soldaten, Belagerungen und Seekriegsführung befasst, wurden ohne Übersetzung gedruckt. Die Haesŏ-Ausgabe übernahm diesen Aufbau zusammen mit Notizen in literarischem Chinesisch, die auf die oberen Seitenränder gedruckt wurden, eine Besonderheit, die zum ersten Mal in Exemplaren des frühen 18. Jahrhunderts zu entdecken ist.


Abb. 4: Handschriftliche Notizen am Ende des Buches.
> Vergrößerung

Trotz all dieser Lesehilfen fühlten sich einige Leser genötigt, ihre eigenen Interpretationen hinzuzuf├╝gen. Die handschriftlichen Notizen im Buch geben Aufschluss darüber, wie und von wem das Handbuch benutzt wurde. Anhand ihrer Handschrift können wir wenigstens zwei Leser identifizieren. All ihre Kommentare sind mit chinesischen Schriftzeichen geschrieben und deuten auf einen hohen Bildungsgrad hin. Manche Notizen umfassen mehrere dutzend Zeichen, von einfachen terminologischen Glossen über technische Fragen bis hin zu Vergleichen mit anderen militärischen Werken (wie zum Beispiel dem chinesischen Militärklassiker Wei Liaozi). Diese Kommentare waren möglicherweise für den persönlichen Gebrauch bestimmt, oder für spätere Leser, die literarisches Chinesisch lesen konnten. Der hohe Rang wenigstens eines der Leser zeigt sich anhand einer Liste aller Militäreinheiten der koreanischen Armee in ordentlicher Schrift auf der letzten, leeren Seite (Abb. 4) – solche Kenntnisse waren rangniederen Soldaten nicht zugänglich. Keine dieser Anmerkungen ist mit dem koreanischen Alphabet geschrieben. Ein genauer Blick auf manche Passagen im ersten Band zeigt eine weitere Ebene inhaltlicher Interpretation. Der in Han'gûl gedruckte koreanische Text reichte offenbar nicht, um die chinesischen Teile zu entziffern. Daher markierte ein Leser an mehreren Stellen den chinesischen Text mittels Kugyŏl, einem einheimischen System phonetischer Symbole, um dessen Syntax zu erklären.

Der chinesische Originaltext wird somit von Interpretation auf mehreren Ebenen begleitet: von den gedruckten Übersetzungen in umgangssprachlichem Koreanisch und Anmerkungen in literarischem Chinesisch am oberen Rand bis zu handgeschriebenen Notizen in literarischem Chinesisch und eingefügter Kugyŏl-Markierung durch einen oder mehrere Leser. Die verschiedenen Ebenen des Handbuchs legen nahe, dass seine Leser Militärbeamte mit guten Chinesischkenntnissen waren, die einen schwierigen Fachtext durch Glossen und Anmerkungen zugänglicher machen konnten. Das Buch ist somit eine wichtige Quelle zur literarischen Bildung in den militärischen Kreisen der späten Chosŏn-Zeit. Für ihre Notizen zogen seine Leser offenkundig den Gebrauch des literarischen Chinesisch und der traditionellen Kugyŏl-Markierung dem koreanischen Alphabet vor, welches allerdings im gedruckten Teil verwendet worden war. Insofern teilten die Militärbeamten mit ihren zivilen Kollegen die Vorliebe für die klassische gegenüber der Umgangssprache.



Literatur

CH’OE Chinsuk (Hg.) (1956): Pyŏnghak chinam. Pyongyang: Kungnip ch’ulp’ansa.

CH’OE Hŭngnok (1993): „Pyŏnghak chinam ŭi p’yŏnch’an e taehayŏ”. In: Minjok munhwa yusan 1993/4, 52-57.

CHŎNG Howan (Hg.) (2013): Yŏkchu Pyŏnghak chinam. Seoul: Sejong taewang kinyŏmhoe.

KIM Ryongdam (2011): „Minchok kojŏn Pyŏnghak chinam ŭi kanhaeng kwa kŭ naeyong e taehayŏ”. In: Minjok munhwa yusan 2011/1.

PAEK Tuhyŏn (2016): „Pyŏnghak chinam ip’anbon ŭi yŏndae kojŭng kwa kyet’ong yŏn’gu”. In: Kugŏsa yŏn’gu vol. 20, 129-166.

PARK, Eugene Y. (2007): Between Dreams and Reality: The Military Examination in Late Chosŏn Korea, 1600-1894. Cambridge (Massachusetts): Harvard University Asia Center.

SIEGMUND, Felix (2016): Theorie und Praxis militärischen Wissens zwischen China und Korea im langen 17. Jahrhundert - Qi Jiguangs militärische Schriften und die nordöstliche Grenzregion. Dissertation, Ruhr-Universität Bochum.

TRAULSEN, Thorsten (2016): „The Rise of the Text Style ‘Vernacular Explication’ (ŏnhae) in Early Chosŏn Korea,1392-1598 - Diglossia, Canon, and Hermeneutics”. In: Lee Eun-Jeung, Marion Eggert (Hgg.): The Dynamics of Knowledge Circulation: Cases from Korea. München: Peter Lang, 113-139.


Beschreibung
Buch in Privatsammlung
Material: Papier, 119 Folios, fadengebunden mit gleichmäßiger Fünf-Löcher-Bindung
Maße: 22,5 x 33,5 cm
Herkunft: Korea, 18. Jahrhundert


Anmerkung der Herausgeber:
Obwohl sich der vorliegende Artikel auf ein gedrucktes Buch bezieht, hielten wir ihn doch passend für die Manuskript des Monats-Reihe, da der Fokus auf den handschriftlichen Aspekten des Buches liegt.



Manuskript des Monats 02/2017
Text von Vladimir Glomb
© für alle Bilder: Lukáš Příbaň
Zitationshinweis:
Vladimir Glomb, „Einsichten in die Kunst des Krieges“
In: Wiebke Beyer, Zhenzhen Lu (Hg.): Manuscript des Monats 2017.02, SFB 950: Hamburg,
http://www.manuscript-cultures.uni-hamburg.de/mom/2017_02_mom.html